Kolumne: Was zeigt ihr, wenn ihr Flagge zeigt?

14. Juni 2018 von in

Fußball-WM. Uff. Wenn ich an dieses Event denke, das die kommenden vier Wochen dominieren wird, dann ist meine erste Emotion: Unbehagen. Das liegt nicht nur am Gastgeberland Russland, das Menschenrechte mit Füßen tritt oder daran, dass es sich beim Veranstalter um einen der korruptesten Vereine der Welt handelt, oder oder oder. Es liegt auch am deutschen Partypatriotismus, der nun wieder einen Monat lang ganz ungeniert ausgelebt werden darf.

 

Deutschland und der Patriotismus – kein einfaches Thema, aus offensichtlichen Gründen.

 

Deutschland und der Patriotismus – kein einfaches Thema, aus offensichtlichen Gründen. Kaum ein Land der Welt hat so eine ambivalente Beziehung zur eigenen Nationalflagge wie die Bundesrepublik. Während Menschen der meisten Länder der Welt ihre Flaggen zu jedmöglicher Gelegenheit euphorisch in den Wind hängen, traut sich der Durchschnittsdeutsche nur beim Fußball, seine Hauswände, Twingos und Leberwurst-Schnittchen mit schwarz-rot-gold zu dekorieren. Sehnsüchtig denken viele an die WM in Deutschland 2006 zurück, als Schwarz-Rot-Gold für einen Sommer lang scheinbar eine Umdeutung erfahren durfte: Toleranz, Internationalität, die Welt zu Gast bei Freunden. Ein Sommermärchen des Partypatriotismus. Was damals kurzfristig zu funktionieren schien, war schnell wieder verflogen: Heute assoziiert man die deutsche Flagge vornehmlich mit AfD-Demos, den neuen Rechten – und eben Fußball. Und man hört die Klagen immer wieder: Wir Deutschen, wir haben auch ein Recht auf Identität! Wieso dürfen wir unsere Flagge nicht so selbstbewusst schwingen wie alle anderen auch?

 

 

Versuche der „Umdeutung“ der Nationalflagge gab es im Laufe der Zeit immer wieder: Immer wieder erfolglos, wie beispielsweise bei der Kollektion „Das Deutschland-Pack“ von Dandy Diary vor zwei Jahren. Dafür wurden Hipster-Kids im Heroin-Chic inszeniert und in Pullover mit umgedrehten Deutschlandflaggen und Reichsadler gesteckt. Pegida und Co. das Symbol wegnehmen und damit zeigen, dass die Flagge „allen Menschen in Deutschland“ gehört – das war das erklärte Ziel der Kollektion, die bei vielen Unverständnis und Entsetzen hervorrief. Was vielleicht ganz gut gemeint ist, driftet ganz natürlich in Geschmacklosigkeit ab: Weil das Nationaldenken selbst problematisch und längst nicht mehr zeitgemäß ist – und es daher auch antiquiert und irritierend wirkt, es sich „neu aneignen“ zu wollen. Das ist auch einer der Gründe, wieso „Flagge zeigen“ nicht nur in Deutschland heute bei immer mehr Menschen Unbehagen hervorruft – und auch hervorrufen sollte.

 

Was soll das überhaupt sein, dieses Deutschland?

 

Denn was soll das überhaupt sein, dieses Deutschland? Sind es tatsächlich diese Landesgrenzen – die sich übrigens in der Geschichte ständig neu verschoben haben, zuletzt vor gerade mal 28 Jahren – die eine Identität bestimmen? Welche gemeinsame Heimat haben ein Ostfriese und ein Niederbayer oder ein Kreuzberger Kiezveteran und die Mutti im saarländischen Outback? Wer ist deutsch und wer ist es nicht? Bestimmt das der Pass, die Sprache, die Socken in den Sandalen oder bloß irgendein Gefühl? Was soll sie denn überhaupt sein, diese „deutsche Identität“? Die Wahrheit ist: Nationalität und „Heimat“ sind abstruse Konzepte, die niemand so recht zu bestimmen weiß – und die für jede Person etwas anderes bedeuten. Schwingt man also eine Deutschlandflagge, dann weiß man nie so recht, welche Assoziation für die Menschen um einen herum – Achtung, Wortwitz – mitschwingt. Das ist das Ambivalente an der Flagge: Man kann sie mit Bedeutung aufladen, wie man möchte.

 

Das Nationaldenken selbst ist längst nicht mehr zeitgemäß.

 

Dass der Patriotismus besonders zur WM dennoch bei vielen Menschen derartige Sehnsüchte hervorruft, liegt an einem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zusammenhalt – daher auch der Trotz darüber, dass man in Deutschland nicht so ungeniert Flagge zeigen darf wie überall sonst. Dennoch ist das Konzept absolut antiquiert, denn wir leben in einer durch und durch vernetzten, digitalisierten und globalisierten Welt, in der Grenzen immer mehr verschwimmen und zu bloßen politischen Organisationsinstrumenten werden. Mithilfe von Nationalsymbolik werden sie bloß künstlich mit Sinn ausgestopft – und dann zur Abgrenzung gegenüber anderen genutzt. Eine Abgrenzung, die wiederum einen gewissen sportlichen (wenn auch meist friedlichen) Kampfgeist auf den Plan ruft, der wiederum exzellent zur Kapitalgenerierung genutzt werden kann: Angefangen bei schwarz-rot-gold bedruckter Bärchenwurst im Supermarkt bis hin zu den Abermilliarden, die in Russland beim Event selbst generiert werden und in den Taschen korrupter Milliardäre landen.

Jedenfalls sucht man das, worum es bei einem globalen sportlichen Event wie der WM tatsächlich gehen sollte – nämlich Sportsgeist, Fairplay und die Freude am Wettbewerb – erstmal vergeblich. Zuerst muss man sich durch einen riesigen Haufen an Kommerz, politischer Interessen, Korruption und Ausbeutung hindurch wühlen – aber eben alles schön dekoriert mit kleinen Deutschlandflaggen, die Gemeinschaft versprechen und doch nur leere Symbolik bieten.

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4 Antworten zu “Kolumne: Was zeigt ihr, wenn ihr Flagge zeigt?”

  1. komisch, auf meinem täglichen arbeitsweg sehe ich das ganze jahr über mindestens ein dutzend türkeiflaggen, aber deutsche nur zur fußball-wm oder -em. freuen türken sich das ganze jahr über auf die wm? aber die türkei macht dieses jahr nicht mal mit. das verwirrt mich jetzt.

    • Ich zitiere mich mal selbst: „Dass der Patriotismus besonders zur WM dennoch bei vielen Menschen derartige Sehnsüchte hervorruft, liegt an einem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zusammenhalt – daher auch der Trotz darüber, dass man in Deutschland nicht so ungeniert Flagge zeigen darf wie überall sonst.“
      Es ist ja ziemlich offensichtlich, wieso die deutsche Flagge mehr Unbehagen auslöst als andere Nationalsymbole: Weil deutscher Patriotismus schon mal mehr als nur aus dem Ruder lief. Von daher finde ich es absolut logisch, dass Menschen anderer Herkunft ihre Flaggen selbstbewusster in den Wind hängen, ob nun WM ist oder nicht – was nicht bedeutet, dass ich das gut finde. Ich persönlich halte nationalstaatliches Denken allgemein für überholt und die Nationalflaggen für kein gutes Symbol kultureller Zugehörigkeit – aus den Gründen, die im Artikel stehen. Das gilt für alle Nationen.

  2. Alles Jahre wieder wird bei mir im Uniumfeld heiß darüber diskutiert (Geschichtsstudium, mit Schwerpunkt „aus dem Ruder laufender Patriotismus“). Dein Text trifft den Nagel auf den Kopf und ich finde es echt erfrischend, dass auch dieses Thema hier diskutiert wird. Danke dafür <3

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