Job-Neustart Teil 2: Der Schritt ins Ungewisse

27. März 2020 von in

Einen Job zu kündigen und sich in etwas Neues zu wagen erfordert wahnsinnig viel Mut. Es ist ein Schritt raus aus der comfort zone, die selbst wenn sie ungemütlich ist, das ist, was wir kennen. Auch, wenn uns ein Job über- oder unterfordert, wir mit den falschen Menschen oder Aufgaben konfrontiert sind, ist er doch das, was wir kennen – und jede andere Option im ersten Moment nur das große Ungewisse, das unendlich viele Fragezeichen und Unsicherheiten birgt.

Und doch kann es das Befreiendste überhaupt sein, den Job zu kündigen, einen Neustart ins Ungewisse, in die Selbständigkeit oder in einen neuen Beruf, eine neue Firma oder eine neue Position zu wagen. Niemand kann wissen, was genau auf einen zukommt – ganz besonders nicht in diesen turbulenten Zeiten. Nur eines steht fest: Geht man den Schritt, wird es anders, und es wird neu.

Wir haben verschiedene Mutige gefragt, wie sie es geschafft haben, ihren alten Job hinter sich zu lassen – und was danach alles für sie entstanden ist. Hier kommt Teil 2 der Neustart-Geschichten, Teil 1 lest ihr hier!

Karo, 31

Mindestens ein Jahrzehnt lang hätte ich meinen rechten Arm dafür gegeben, als Redakteurin für ein etabliertes Modemagazin zu arbeiten. Genau wie in der Teufel trägt Prada lebte ich nach dem Prinzip „a million girls would kill for this job“ und arbeitete mit meinem Literaturstudium, Volkshochschulkurse im Schreiben, einem Praktikum in einer Schneiderei und zwei redaktionellen Praktika nur auf ein Ziel hin: Redakteurin werden. Als ich dann den Job bei einem der größten deutschen Modemagazine ergatterte, war meine Demut, meine Hingabe riesig. Ich hatte es geschafft.

Niemals, also wirklich NIEMALS hätte ich gedacht, dass ich diesen Traumjob irgendwann freiwillig verlassen würde. Aber naja – es hat einen Grund, wieso wir niemals nie sagen sollen.

Die digitale Revolution, Heftschließungen, Entlassungen und die daraus resultierende notorische Unterbesetzung in den Redaktionen machten aus meinem Traumjob in nur wenigen Jahren einen, naja sagen wir mal „zweifelhaften“ Traum. Zwar liebte ich das, was ich tat, immer noch von ganzem Herzen, aber mit der Zeit wurde neben der Der-Teufel-trägt-Prada-Stimme noch eine weitere Stimme in meinem Kopf immer lauter: „Wie lange willst du noch für so wenig Geld arbeiten?“, „Was passiert mit deinem Job, wenn immer mehr deiner älteren Kollegen entlassen werden?“, „Hast du eigentlich noch Spaß an den Themen und Artikeln, die du da schreibst?“ und „Wo bleibt eigentlich die Kommunikation auf den sozialen Kanälen in dieser Branche?“ Ich war also schlicht und einfach irgendwann nicht mehr glücklich, mit dem was ich tat. Kam immer häufiger abends nach Hause und war genervt, gefrustet und unzufrieden. Das ging einige Monate so und wäre sicherlich auch noch einige Zeit so weiter gegangen, bis mir ein unvorhergesehenes Ereignis die Augen öffnete, mir in den Arsch trat und ich mir endlich ein Herz fasste und meinen Job kündigte.

Der Aufschrei im Kollegenkreis war groß, denn schließlich war uns jahrelang eingebläut worden, dass man „so einen“ Job nicht einfach kündigte, sondern froh sein musste, überhaupt dort zu arbeiten.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich diese Auffassung nicht selbst zu lange geteilt und ebenfalls verbreitet hätte. Ich war verdammt glücklich in meinem Job – bis ich es eben nicht mehr war. Ich wollte ehrlichere Texte schreiben, inhaltlich nicht mehr so viel von Anzeigenkunden abhängig sein und beruflich und finanziell eine Perspektive haben. Irgendwann wurde mir nämlich klar, dass sich der Fakt, dass ich nach fünf Jahren im Unternehmen noch nie ein Gehaltsgespräch, geschweige denn eine Gehaltserhöhung, hatte, sich auch in den nächsten Jahren nicht so schnell ändern würde. Während die Arbeit aufgrund der Entlassung von Kolleginnen und Heftzusammenschließungen immer mehr wurde, wurden Kreativität und Spaß am Schreiben immer weniger. So konnte es nicht weitergehen.

Nachdem ich also gekündigt hatte, musste ein neuer Plan her. Und ich will ganz ehrlich sein: Der Plan kam erst nach meiner Kündigung. Ich musste mich erst freischwimmen, um erkennen zu können, was mir wichtig war.

In was ich gut war und was mir wirklich Spaß machte – und das war Schreiben. Ich wollte nie etwas anders tun als Schreiben, und da mir das aufgrund der wirtschaftlichen Situation in den etablierten Verlagen nicht auf die Art und Weise möglich war, wie ich es mir gewünscht hatte, lag eine Option sehr schnell auf der Hand: Ich würde einen eigenen Blog gründen. „Wow – ein Blog. Braucht es denn wirklich noch einen?“ Diese und ähnliche Fragen gingen mir von Beginn an durch den Kopf und manchmal weiß ich selbst nicht, woher ich die Überzeugung nahm, dass ich mit meinem Blog erfolgreich sein würde – so erfolgreich, dass ich meinen Lebensunterhalt damit bestreiten können würde. Aber die Überzeugung oder vielmehr das Bauchgefühl war da und ich beschloss, dass ich mit knapp 30 noch jung genug war, dieses Experiment zu wagen. Ich habe keine Kinder und keine anderen größeren finanziellen Verpflichtungen – wenn nicht jetzt, wann dann?

Mich wieder anstellen zu lassen, war jederzeit möglich, aber sich in der rasant wachsenden digitalen Welt zu etablieren, dafür war ich eigentlich schon zu spät dran.

Also startete ich im Februar 2018 mit Frollein Herr. Meinem Baby, meinem Blog, meiner Stimme zur digitalen Welt. Von Mode über Beauty bis zu Interior und Kolumnen konnte ich plötzlich frei von der Leber weg schreiben, denken und kommunizieren. Ohne Textchef, ohne Chefredaktion, ohne irgendwen. Trotzdem aber mit meiner Erfahrung als Redakteurin im Rücken und dem Vorhaben, dass Frollein Herr sich nicht nur um mich, sondern auch um andere drehen soll. Ich wollte Shoppingthemen oder Beautytrends professionell aufbereiten und Kolumnen mit Mehrwert bieten, die nicht nur meine eigenen Erfahrungen beschreiben, sondern hier und da auch Denkanstöße bieten.

Was soll ich sagen: Heute ist Frollein Herr zwei Jahre alt, ich kann meine Rechnungen davon bezahlen und bin so frei und zufrieden, wie selten. Schreiberisch habe ich in den zwei Jahren so große Fortschritte gemacht, wie weder in der Redaktion, noch im Studium. Und neben meiner eigentlichen Stärke, dem Schreiben, habe ich mich darüber hinaus in so viele andere Bereiche eingefuchst, von denen ich vorher nichts verstand.

Ich bin jetzt Grafikerin, Buchhaltung, Stylistin, Textchefin, PR-Expertin und Fotografin in einem und lerne konstant dazu.

Klar, die Selbstständigkeit ist nicht leicht und es gibt heute neue, nicht weniger nervige Themen oder Probleme, mit denen ich mich rumschlagen muss – aber alles in allem habe ich meinen Schritt nie bereut. Ich liebe meine Leserschaft, den respektvollen Ton, mit dem in meiner Community kommuniziert wird und die Freiheit, alle Themen aufzugreifen, die mich beschäftigen. Ich bin stolz auf mich und das, was ich bisher geschafft habe, aber habe mich inzwischen auch damit abgefunden, dass alles in meiner Branche IMMER unsicher sein wird. Wo kommen die nächsten Aufträge her? Wann kann ich mal einen Urlaub einschieben? Wie sieht es in ein paar Jahren aus? Die Antwort lautet hier immer „Ich weiß es nicht.“ Aber im Gegensetz zu meinem alten Job, habe ich vieles davon jetzt selbst in der Hand. Kann steuern, wohin die Reise geht, bin flexibel und agil, sehe die Früchte meiner Arbeit unmittelbar und bin nicht von den Entscheidungen anderer abhängig und muss konstant um Entlassung bangen.

Ob ich für immer Bloggerin sein werde, bezweifle ich. Aber die Jahre als Selbstständige werden für mich immer einen Mehrwert bieten, eine Extraqualifikation, eine unbezahlbare Erfahrung. Ich bin so unmittelbar auf mich, meine Entscheidungen, meinen Fleiß und meine Disziplin angewiesen, dass ich heute viel ehrlicher mit mir bin, als ich es früher je war.

Ich bin zufrieden, ich bin stolz und ich liebe was ich tue. Wenn man das nach einer Entscheidung von sich behaupten kann, hat man in meinen Augen doch alles richtig gemacht, oder?

Ayla, 31

Ich habe 2019 meine Festanstellung im Bereich Marketing & PR gekündigt, nachdem ich dort gut zweieinhalb Jahre gearbeitet habe. Was für viele wie ein Traumjob mit coolen Einladungen zu Events, kostenlosen Dinners und Co. klang, sah in der Realität nicht so prickelnd aus wie in meinen Insta-Stories. Dementsprechend ungläubig fielen dann auch die Reaktionen vieler meiner Bekannten aus, dass ich tatsächlich freiwillig gehe. Was sie nicht zu sehen bekamen: Wenn grundlegende Strukturen einfach nicht mehr passen, dich dein Chef unnötigerweise auch am Wochenende versucht, via Whatsapp mit Fragen zur Arbeit zu erreichen, und du das Gefühl hast, deinen Job nicht mehr so erledigen zu können, dass du selbst auch zufrieden damit bist – dann wird es einfach Zeit, etwas zu ändern.

Love it, change it or leave it.

Tatsächlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon länger mit dem Gedanken gespielt, zu kündigen, da sich meine Arbeitsbereiche über die Jahre immer weiter ausgedehnt hatten und es keine klare Arbeitsstruktur gab. Am Ende hatte ich über 17 unterschiedliche Projekte, oder besser gesagt Großbaustellen, die ich betreut habe. Klar ist es auch ein gutes Zeichen, wenn man mit vielen Aufgaben betraut wird, aber Mädchen für alles möchte man mit Anfang 30 einfach nicht mehr spielen. Ich trat irgendwann auf der Stelle, lernte nichts mehr Neues dazu und versank in chaotischen Aufträgen, statt mich zu professionalisieren.

Deswegen war für mich nach langem Hin und Her irgendwann der Punkt erreicht, an dem mich auch die Lieblingskollegen und das passende Gehalt nicht mehr halten konnten und mein Frust überwog.

Als ich von einem Projekt erfuhr, in dem es um einen größeren Copywriting-Auftrag ging, klang das für mich so spannend und genau nach dem, was ich eigentlich wollte: Sich ganz auf eine Sache fokussieren. Schreiben, was ich bis dato nur freelancemäßig gemacht habe. Und natürlich endlich aus dem Hamsterrad ausbrechen.

Das fiese an festen Jobs ist ja auch, dass man sich immer auf der Sicherheit ausruhen kann. Egal wie unzumutbar die Zustände sind, Hauptsache, die Miete wird bezahlt, Bewerbungen für andere Stellen kann man ja auch noch morgen schreiben, so dachte ich lange.

Was zumindest meine Großeltern bis heute schockiert: Das neue Projekt war von Anfang an auf ein halbes Jahr befristet. Meine unbefristete Anstellung also für ein zeitlich begrenztes Projekt aufgeben? Ich musste in ihren Augen den Verstand verloren haben. Letztlich war meine Kündigung aber die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich habe ganz neue Perspektiven gewonnen und jetzt viel mehr Selbstvertrauen in mich und meine Fähigkeiten. Außerdem habe ich gelernt, was ich wirklich von meinem Beruf will und fordere das auch ein. Nämlich keine kostenlosen Konzerttickets oder Kaffee so viel man will. Sondern faire Bedingungen und Möglichkeiten, sich zu entfalten. Die Ungewissheit, die meine Entscheidung mit sich zog, zu kündigen, ohne was Längerfristiges anschließend zu haben, hat mir so schließlich mehr Türen geöffnet, als ich dachte. Man muss sich halt nur auch trauen, durchzugehen. Da draußen wartet aber immer mehr, als man sich in seiner gemütlichen Sicherheits-Bubble so vorstellen und eingestehen mag. Und das ist es zumindest mir wert, entdeckt und ausprobiert zu werden.

Lisa, 35

Vor eineinhalb Jahren habe ich meinen unbefristeten Job als Redaktionsleiterin in einem Magazinverlag gekündigt, um mich als Redakteurin selbstständig zu machen. Dass ich mir vorstellen kann, irgendwann einmal selbstständig zu arbeiten, wusste ich schon immer. Da mir mein Job im Verlag jedoch immer sehr großen Spaß gemacht hat, hat sich diese Frage viele Jahre nicht zwingend für mich gestellt. Doch aller Freude, die mir meine Arbeit gemacht hat, zum Trotz, habe ich nach und nach gemerkt, dass mir in beruflicher Hinsicht einige Dinge gefehlt haben: Meine Liebe zum Reisen und der Gedanke an ortsunabhängiges Arbeiten ließen sich nicht mit den Präsenzzeiten im Büro und wenigen Urlaubstagen vereinbaren, und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich aus der typischen 9-to-5-Denkweise herausgewachsen war und unzufrieden wurde. 

Ich habe langsam begonnen, mir neben meinem Job ein Netzwerk in weiteren Branchen aufzubauen.

Somit konnte ich nebenbei als Redakteurin für verschiedene Websites und Blogs Artikel schreiben und erste Jobs als Social-Media-Betreuerin an Land ziehen. Natürlich ging das Ganze mit einer gewissen Doppelbelastung zu meinem eigentlichen Job einher, aber sich nebenbei etwas Neues aufzubauen, hat riesigen Spaß gemacht und meine eigentliche Arbeit hat nie darunter gelitten. Nach rund zwei Jahren waren mein Netzwerk, mein Selbstvertrauen und meine Energie so gewachsen, dass ich meinen Job im Verlag gekündigt habe. Einerseits fiel mir die Kündigung nicht leicht, weil ich meine Arbeit grundsätzlich wahnsinnig gerne gemacht habe.

Aber der Wunsch nach etwas Eigenem, Neuen und Selbstbestimmten war so groß, dass sich die Trennung von der angestellten Berufswelt tatsächlich wie eine Art Befreiungsschlag angefühlt hat.

Da ich mir meine Kunden, Kontakte und Netzwerke über einen langen Zeitraum aufgebaut hatte, konnte ich also mit Vollgas in die Selbstständigkeit starten und seit dem ersten „offiziellen“ Tag als Freelancerin fühlt es sich an, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. So viel ist sicher: Der Satz „Man arbeitet nie so viel, wie als Selbstständiger“ stimmt voll und ganz, doch auch, wenn manche Tage vor lauter To-Do’s aus allen Nähten zu platzen scheinen, weiß ich, dass der Weg in die Selbstständigkeit die perfekte Entscheidung für mich war.

Der Weg in die Selbstständigkeit hat mich auch darin bestärkt, mehr eigene Projekte anzugehen und nicht immer nur in der Theorie von ihnen zu sprechen.

Jahrelang hatte ich vor, einen eigenen Blog zum Thema „bewusst kinderlos leben“ zu gründen – doch irgendwie bin ich während meiner Festanstellung nie dazu gekommen – zumindest war das die vermeintlich ewige Ausrede. Nun habe ich den Blog endlich ins Leben gerufen und sehe ihn sowohl als privates Herzensprojekt als auch als berufliche Herausforderung in Sachen redaktioneller Betreuung und Social Media-Strategie.
Inzwischen bin ich seit eineinhalb Jahren selbstständig. So viel steht fest: Angst vor viel Arbeit sollte man als Freelancer nicht haben. Doch frei nach dem Motto „Tu das, was du liebst, und du wirst nie wieder arbeiten“ werde ich immer wieder daran erinnert, dass der Entschluss, den sicheren und unbefristeten Job hinter mir zu lassen, der absolut und einzig richtige Weg war. Natürlich ist nicht alles so rosig, wie es vielleicht klingen mag: Der bürokratische Aufwand, den man als Selbstständiger betreibt, ist immens und ich gebe zu, dass mir Steuererklärungen oder Versicherungsanträge bereits die ein oder andere schlaflose Nacht beschert haben.
Nichtsdestotrotz: Der Weg, für den ich mich entschieden habe, war der absolut richtige. Ich weiß, dass ich mit idealen Bedingungen in die Selbstständigkeit starten konnte, diese habe ich mir über mehrere Jahre parallel aufgebaut, was nicht immer einfach war. Ich mag es, mein eigener Boss zu sein, kann aber auch Menschen verstehen, die gerne in einem Angestelltenverhältnis arbeiten, weil sie sich dadurch „sicherer“ fühlen.

Das Wichtigste ist, voll und ganz hinter seiner Entscheidung zu stehen und – egal, ob als Angestellter oder Freelancer – dann etwas zu ändern, wenn man zunehmend unzufriedener wird!

 

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