Kolumne: Vom weiten Leben und der schönen Erschöpfung

27. Juli 2021 von in

Keine fomo zu haben tut gut. So richtig gut, mental-health-mäßig. Genau das stellte ich in diesem Text fest, als vor eineinhalb Jahren das Lockdown-Leben so langsam zur Realität wurde. Ohne überhaupt große Pläne machen zu können, war alles plötzlich ein bisschen leichter, überschaubarer. Es gab nur noch eine Handvoll Möglichkeiten, die Wochenenden zu verbringen, also fiel die Auswahl nicht besonders schwer, und Pläne mussten erst gar nicht gemacht werden. Man sah eh nur die engsten Leute, verbrachte seine Zeit mit Kochen, Spazierengehen, Homeworkouts, Zeitunglesen, Netflix. Und weil es allen anderen genauso ging, war das altbekannte, unangenehme Gefühl der fomo plötzlich wie weggeblasen: Wir alle verpassten nichts, wenn wir unser ruhiges Selfcare-Leben führten. Die Art von Alltag, die mir grundsätzlich liegt, die ich mir aber normalerweise nie so wirklich gönne – dachte ich.

Doch dann zog sich der Lockdown. Und zog sich. Vor allem über den Winter. Und plötzlich wusste ich gar nicht mehr: Was wünsche ich mir eigentlich?

In den ersten Monaten der Ruhe blühte ich wirklich auf. Ich hatte plötzlich viel mehr Zeit für wohltuende Dinge, die mich niemals überforderten, in Stress versetzten oder mich zu viel Kraft kosteten. Ich kochte so aufwendig und abwechslungsreich wie noch nie, ich ging wahnsinnig viel im Wald spazieren, ich achtete auf mein Schrittekonto, ich las Zeitung, ich töpferte, ich malte, ich mistete aus, ich kaufte mir einen Hula Hoop Reifen, ich ging früh ins Bett und hatte jede Nacht mehr als genug Schlaf. Alles fühlte sich so an, wie ich es mir lange erträumt hatte: Mein Leben war ungewöhnlich geordnet, ich hatte alles im Griff, es gab nichts Unvorhergesehenes. Ich fühlte mich regelmäßig wie die wahnsinnig gesund aussehenden, aktiven Menschen in Apotheken-Umschau-Artikeln.

Eine ganze Weile lang tat all das einfach nur gut. Doch dann meldete sich ein neues Gefühl. Eines, das ich lange nicht empfunden hatte: das Bedürfnis nach mehr. Erstmal war es ein Diffuses Bedürfnis nach Aufregung, nach Abwechslung. Nach langen Nächten, nach vielen Menschen. Nach ungeplanten Wochen voller unterschiedlicher Erlebnisse. Nach neuen Menschen, neuen Themen und neuen Lebenswelten. Nach mehr als einem Glas Wein beim Fernsehschauen.

Nach einem Leben, das wieder weiter ist. Aufregender und unbequemer. Und das ich frei gestalten kann wie eine Leinwand mit der gesamten Farbpalette, nicht nur den gemütlichen Tönen.

An einem Tag voller Frühjahrsmüdigkeit und Lockdown-Gleichschritt buchte ich einen Urlaub, obwohl man es moralisch gesehen zu diesem Zeitpunkt besser hätte bleiben lassen. Einige Wochen später flog ich einmal geimpft mit meinen Freundinnen ans Meer, trank kalten Weißwein mit Blick auf den Strand, sang unsere Lieblingslieder im Sonnenuntergang mit und fühlte mich jeden Tag, als würde das eigentliche Leben plötzlich wieder losgehen. Als gäbe es da so viel mehr, als nur der kleine, überschaubare und risikolose kleine Radius, den wir durch Corona so lange kennengelernt haben – und der schon vor Corona mein Wunschzustand gewesen war.

Denn wie so oft wünscht man sich eben häufig das, was man gerade nicht haben kann. Und in der turbulenten, unüberschaubaren Vor-Corona-Welt war die Ruhe, die Entschleunigung und das zurückgezogene Leben abseits jeglicher fomo genau das, was ich wollte. Jahrelang versuchte ich, das fomo-Gefühl als einen Fehler, etwas nicht Ernstzunehmendes, abzustreifen und mich Ruhe und Entspannung zu widmen, mein Leben zu entschleunigen und das unruhige Bauchgefühl wegzuschieben, das sich dabei meldete. Ich schob das unruhige Gefühl auf die altbekannte Angst, etwas zu verpassen, die ich hinter mir lassen wollte. Und war mir sicher, dass es mir mit mehr Ruhe und weniger Action besser ginge.

Und dann kam das Gefühl, genau diese Action zu wollen. Zu brauchen. Gar nicht mehr, ohne sie leben zu können.

Die Bedürfnisse wurden konkreter. Ab einem gewissen Punkt im Lockdown wünschte ich mir, eine komplett volle Woche zu haben, in der jeder Tag anders und mit unterschiedlichen Menschen gefüllt ist. Einen Freitagabend, an dem ich nicht um 10 Uhr abends einschlafe, sondern bei lauter Musik mit Freunden unterwegs bin. Ein Sonntag ohne Tatort, sondern mit Überraschungen. Ein Alltag voller neuer Erlebnisse und Input verschiedenster Menschen.

Wann mich diese Bedürfnisse und Wünsche zuletzt überkommen hatten, konnte ich gar nicht mehr sagen. Doch da war sie plötzlich, die Lust am Leben-Auskosten, das mehr war als der abgegriffene Begriff fomo. Auf einmal konnte ich dieses Bedürfnis wieder wirklich sehen, für voll nehmen. Es nicht mehr nur fomo nennen, Angst, etwas zu verpassen. Sondern in diesem Drang etwas wichtiges sehen, und zwar die Lust am Leben. Die Lust, es auszukosten, sich nicht einzuschränken, über die eigenen Wohlfühl- und Gemütlichkeitsgrenzen zu gehen und das Leben aktiv zu gestalten. Die eigene Zeit wirklich zur eigenen Zeit zu machen, die nicht immer gleich abläuft.

Natürlich ist es nicht gerade leicht, das Leben auszukosten. Soziale Interaktion kostet Kraft, unterwegs sein kostet Kraft, Aktivitäten zu planen und sie auch wirklich zu machen kosten Kraft. Und ich war schon lange nicht mehr so erschöpft wie in den letzten Wochen. Doch während ich mich manchmal kurz hinlege, um danach wieder das Haus zu verlassen, oder sonntagabends auf dem Sofa lande und nicht mehr aufstehen kann, fühle ich mich in den anderen Momenten gerade lebendiger und energiegeladener als im ganzen Lockdown. Seit der doppelten Impfung versuche ich, wie so viele, alles auszukosten und aufzuholen, was sich nach all der Ruhezeit einfach nur absurd, anstrengend, euphorisierend und ungewohnt anfühlt. Man ist angetrieben vom Sommer, von all der Enthaltsamkeit und von einer völlig neuen Stufe von fomo, die ständig flüstert, dass bald wieder alles vorbei sein könnte. Dass dieser Sommer ausgekostet werden muss, egal wie erschöpft man dabei auch sein mag. Dass im Herbst wieder mehr als genug Zeit für Ruhe sein wird. Und dass wir uns nach genau den Wochen jetzt sehnen werden, wenn die Lage sich wieder anders entwickelt.

Wie so viele kapituliere ich gerade vor der fomo. Und obwohl ich weiß, dass Ruhe und Entschleunigung eigentlich besser für mich sind, will ich gerade nicht das tun, was mir ganz sicher gut tut.

Denn die Vernunft und die Ruhe, so hat es gerade den Anschein, könnte früher als uns lieb ist wieder zurückkommen. Weil dieser Sommer gerade wirkt, wie ein schmales Zeitfenster, in der mehr Freiheit, mehr Gestaltungsmöglichkeiten und mehr Action wieder möglich sind, habe sogar ich, die eigentlich so ruhebedürftig ist, den Drang, diese Zeit auszukosten. Und während ich gerade immer wieder über meine Grenzen hinausgehe, stelle ich Überraschendes fest: Mehr Action, mehr Unternehmungen und mehr Stress führen zwar zu emotionalen Hochs und Tiefs, zu ungeplanten und ungewohnten Situationen außerhalb meiner comfort zone und dazu, dass ich immer mal wieder unverhältnismäßig erschöpft bin. Dazwischen wiederum habe ich auch ungewohnt viel Energie, die ich so lange nicht gespürt habe. Der Radius ist wieder größer, die Erlebnisse abwechslungsreicher, so manches auch ohne genug Schlaf schaffbar. Und diese ganze anstrengende, turbulente und ganz und gar nicht ruhige Zeit gerade einfach nur schön und magisch.

Höchstwahrscheinlich wird früher oder später die Erschöpfung einsetzen, der Wunsch nach Ruhe und Entschleunigung zurückkehren. Und doch nehme ich jetzt schon etwas mit aus diesem Sommer, der einen so euphorischen Kontrast zur ganzen Lockdownzeit bildet: Künftig werde ich den Begriff fomo nicht mehr belächeln, nicht mehr davon ausgehen, mich darüber hinweggesetzt zu haben und das Bedürfnis nicht mehr als etwas Banales abtun. Seit diesem Jahr steckt für mich etwas ganz Essentielles im Begriff der fomo: Die Lust, das Leben auszukosten, in voller Freiheit, im großen Radius und ohne Schonhaltung. Und dass diese Lust dieses Jahr selbst über ruhebedürftige Action-Verweigerer wie mich mal wieder kam, das ist doch etwas ziemlich Schönes.

 

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