Kolumne: Wie ich ein neues Hobby fand, ohne auf der Suche gewesen zu sein

22. September 2021 von in ,

„Und jetzt nochmal langsam um die Ecke fahren“, ruft mir mein Freund zu. Ich wackle ein bisschen, halte trotzdem das Gleichgewicht. Geschafft, die Kurve habe ich genommen. Ich grinse bis über beide Ohren, rolle langsam wieder auf meinen Freund zu. „Jetzt wieder du!“ „Sicher?“ „Ja“, lache ich und lasse mich ins Gras fallen. Ich bin gerade Skateboard gefahren. Mehr schlecht als recht, aber ich stand drauf. Während mein Freund bei seinen Skateboard-Tricks zusehe, bin ich happy.

Heute, fast 20 Jahre später, fahre ich endlich einmal richtig Skateboard. Wenn das mein 15-jähriges Ich gewusst hätte. Angefangen hatte meine Leidenschaft für Skateboards nicht im Skatepark. Nein, die mediale Popkultur brachte mich dazu. Mit 14 Jahren spielte ich das erste Mal Tony Hawk’s Skateboard auf dem Computer. Immer mal kurz, immer mal mehr oder minder erfolgreich. Nebenbei hörte ich Hip Hop und blättere abends Frontline- und Titus-Kataloge durch. Wer erinnert sich? Ich verliebte mich erst in den Lifestyle der Skateboard-Szene, später lebte ich ihn auch. Ich trug Skate-Schuhe, betrat mit Ehrfurcht Skateshops und träumte an Weihnachten von einem Skateboard. Nachmittags hing ich am Skatepark ab, nur das Skaten selbst, das überließ ich doch den Jungs.

Wenn es eine Skate-Rampe gibt, wo alle Jungs skaten, und du als Mädchen mitskaten willst, musst du dir den Arsch aufreißen und beweisen, dass du dir den Platz neben den Jungs verdient hast.

Heute weiß ich: In meiner Kleinstadt war an diesem Mini-Skatepark kein Platz für Mädchen. Klingt merkwürdig, war Anfang der 2000er-Jahre so. Von Feminismus und Gleichberechtigung hatte niemand so richtig Plan, schon gar nicht ich. Und da erinnere ich mich gerne an ein Gespräch mit Erika Lust, in dem sie zu mir sagte: „Weißt du, wir Frauen brauchen Männer in unserer Gesellschaft, die Platz machen. Bis heute ist es so, dass der Skatepark den Jungs gehört. Wenn es eine Skate-Rampe gibt, wo alle Jungs skaten, und du als Mädchen mitskaten willst, musst du dir den Arsch aufreißen und beweisen, dass du dir den Platz neben den Jungs verdient hast. Aber es ist an der Zeit, dass wir auch einfach mal die Skate-Rampe ausprobieren dürfen. Wir Frauen sind schon gut, es braucht eben nur ein bisschen Platz.“ Was eine wunderbare Metapher für die Problematik der Geschlechter von Lust war, beschreibt gleichzeitig auch großartig meine Erfahrungen am Skatepark.

Niemals, wirklich niemals hätte ich mich getraut, mit meinem Skateboard im Skatepark erste Versuche zu machen. Zu gut waren die Jungs, zu cool war die Szene, zu ängstlich ich. Was ich mich heute aus Prinzip entgegen aller Regeln und strukturellen Begebenheiten trauen würde, hätte mein schüchternes Teenie-Ich niemals gemacht. Und so sah ich stundenlang den Jungs beim Skaten zu, war froh, ein Teil dieser Szene zu sein und träumte heimlich nachts von einer Karriere als Profi-Skaterin.

Mein Kleidungsstil ist bis heute mehr Skatepark als Gala. Wenn ich wollte, könnte ich wahrscheinlich fast immer spontan auf ein Skateboard hüpfen.

Die blieb aus, wie ihr euch heute denken könnt. Mein Herz, das bliebt trotzdem immer ein bisschen auch Skaterin. Es hüpfte, wenn ich OC.California sah und die Skater am Pier, wenn ich in München Mädels und Jungs mit dem Skateboard unterm Arm an der Theresienwiese sah oder mich doch mal in einem Skateshop verirrte. Immer dann, wenn ich mich doch für Sneaker statt High Heels entschied. Mein Kleidungsstil ist bis heute mehr Skatepark als Gala. Wenn ich wollte, könnte ich wahrscheinlich fast immer spontan auf ein Skateboard hüpfen. Doch das tat ich nie. Bis letzte Woche.

Ich fasste mir ein Herz und sprang spontan drauf. Aufs Skateboard meines Freundes, der natürlich als Teenager schon Skateboard fuhr und es heute noch gerne tut. Da stand ich also auf dem Brett: noch wackelig, völlig unkoordiniert, aber mit ganz viel Herz und Freude.

Während ich als Teenager vom Skateboard träumte und in vielen, vielen Stunden voller Leidenschaft Ballett tanzte, hatte ich Traum und Hobbies über die Zeit des Erwachsenwerdens verloren. Ich fand Freude im Yoga und Sport, beides brachte mir Ausgleich und Ruhe. Gleichzeitig bewunderte ich immer jene Menschen, die in meinem Alter noch immer so ein richtige Hobby hatten. „Ich spiele gerne Schach. Ich bin im Tennisclub. Oder: Ich treffe mich regelmäßig zum Häkeln oder Musizieren.“ Schach kann ich, finde ich aber auf Dauer dröge. Tennis würde ich gerne können, aber der Schläger allein ist mir schon zu schwer. Musikalisch bin ich wirklich höchstgradig unbegabt, und häkeln – da flippe ich aus. Ballett tanzte ich nur noch für mich, das Skateboarden war irgendwie immer Traum geblieben. Hätte ich unendlich viel Zeit, würde ich im Tierschutz helfen oder bei der Tafel Essen ausreichen. Letzteres hatte ich sogar einmal angefragt, aber sie hatten genügend helfende Hände. Zu den beliebtesten Hobbies in Deutschland zählen laut Statistik übrigens Gartenarbeit, Fotografieren, Shoppen oder Rätsellösen und Computerspiele. Aber welches Hobby passt zu mir?

Wie ich da auf dem Skateboard stand, blitze dieser minikleine Gedanke auf. Vielleicht, ja vielleicht ist das Skateboardfahren ein mögliches neues, altes Hobby.

Skateboarden wäre mir als letztes in den Sinn gekommen. Aber wie ich da auf dem Skateboard stand, blitze dieser minikleine Gedanke auf. Vielleicht, ja vielleicht ist das Skateboardfahren neben meinem Sport ein mögliches neues, altes Hobby. Eines, das alles vereint, was mir wichtig ist. Etwas, was ich nur für mich tue. Ein Hobby, bei dem ich rausgehe, an die frische Luft, mich bewege und im besten Fall mit Freunden Spaß habe.

Ein Hobby, das mir Glücksgefühle bringt, wenn ich etwas schaffe. Ein Zeitvertreib, bei dem ich Neues lerne, etwas übe und Erfolge spüre. Aber ohne den Leistungsdruck, den mir mein zum Beruf gemachtes Hobby – das Schreiben – gerne beschert. Ein Hobby, bei dem es nicht ums Geldverdienen, Talent oder Kräftemessen geht, sondern um den Spaß. Etwas, das ich wirklich nur für mich mache. Weil ich es mag. Egal, wie gut oder schlecht ich darin bin. Etwas, das mich abschalten lässt – von Alltag, Stress und Arbeit. Und: Bei dem das Handy ganz weit weg ist.

Ein Hobby, bei dem wir nichts produzieren oder konsumieren, sondern nur sind. Im Moment.

Es ist nie zu spät, Neues zu lernen oder neue, alte Hobbies wieder zu entdecken. Es ist wichtig, dass wir neben all dem Leistungsdruck und Arbeit Dinge tun, die uns einfach nur Spaß machen. Glücksgefühle, Dopamin bescheren. Uns vom Handy weglocken und die Gedanken an Verpflichtung und To-Do-Listen für ein paar Minuten wegschieben. Dinge tun, bei denen wir nichts produzieren oder konsumieren, sondern nur sind. Im Moment sein, treiben lassen, Freude haben. Uns wahrhaftig entschleunigen.

Als ich in der Wiese sitze und meine müden Beine nach den ersten Skate-Versuchen ausruhe, muss ich schmunzeln. Insgeheim habe ich mir das Skateboarden schon damals mit 15 ausgesucht. Es war mein großes Hobby, das mich lange Zeit Tag und Nacht beschäftigte, auch wenn ich nie groß gefahren bin. Heute hat es mich gefunden, ohne dass ich auf der Suche war. Und so beginnen doch immer die schönsten Liebesgeschichten, nicht?

 

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3 Antworten zu “Kolumne: Wie ich ein neues Hobby fand, ohne auf der Suche gewesen zu sein”

  1. Weißt du was?!ich fange mit 40 jahren jetzt an zu skaten.ich stand fast 8 jahre nur passiv am skateplatz und habe meinem sohn zugeschaut-wie damals in meiner jugend.ich kann all die gefühle und gedanken nachvollziehen.

    Hab ganz viel spaß damit und fühl dich nie zu alt für etwas!!!

  2. hey Antonia,
    wie cool, dass du darüber schreibst und ein neues altes Hobby hast. Go for it! :)
    Hab mir witzigerweise letztens auch ein Skateboard gekauft und gehe am Wochenende auf Tour damit.
    Viel Spaß dir!

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