Lea Rieck über die Weltumrundung auf dem Motorrad, ihr Buch und die Reise zu sich selbst

18. März 2019 von in

Seit Jahren arbeitete Lea in einer Münchner Hochglanz-Printredaktion, hatte die Zusage für den nächsten Traumjob schon auf dem Tisch – und entschied sich, alles abzusagen und etwas ganz anderes zu machen: eine Motorradreise um die Welt, ganz alleine, mit ungewisser Rückkehr. Eine Entscheidung, die sich nicht jeder traut, und die mich damals schon umhaute – als die große Reise losging, erzählten wir euch hier schon davon und verfolgten seitdem auf Instagram, was Lea auf ihrer Weltumrundung erlebte.

Mittlerweile ist sie seit knapp einem Jahr wieder zurück in München, wohnt in meiner Nachbarschaft, und jedes Mal, wenn ich sie sehe, bin ich fasziniert von der inneren Stärke, die Lea heute mehr denn je ausstrahlt. Im letzten Jahr hat sie ein Buch über ihre Reise geschrieben: Sag dem Abenteuer, ich komme erschien erst letzte Woche im Kiepenheuer&Witsch Verlag und hat sich schon jetzt auf der Bestsellerliste eingereiht. Ich habe das Buch am Stück verschlungen und selten etwas Bestärkenderes gelesen – neben den vielen Fragen zur Organisation einer solchen Reise hat mich besonders die innere Entwicklung interessiert, die so ein mutiges Unternehmen in einem anstoßen kann. Über diesen Aspekt ihrer Reise habe ich mit Lea für amazed gesprochen!

Du hattest einen Traumjob, eine feste Vorstellung von deinen Lebenszielen, den Traum von einer Eigentumswohnung und den Ehrgeiz, so viel wie möglich der Ziele zu erreichen, die in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gelten. Woher kam der Entschluss, all das hinter dir zu lassen und für unbestimmte Zeit alleine mit dem Motorrad um die Welt zu fahren? Und dein Erspartes nicht in eine Eigentumswohnung, sondern in diese Freiheit zu stecken?

Die Idee, mal länger über Land zu reisen, hat schon eine ganze Weile in mir geschlummert. Aber es war eine der Sachen, die ich immer auf eine unbestimmte Zeit in der Zukunft vertröstet hatte – wenn ich mehr Geld haben würde, und mehr Zeit. Ich habe erst einen Auslöser gebraucht, um zu merken, was ich wirklich will und zu erkennen, welche Dinge vielleicht nur Ziele waren, die ich hatte, weil sie in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gelten. Ich stand kurz vor einem Jobwechsel, und habe eine Zusage für meinen absoluten Traumjob bekommen. Erst als ich mich darüber nicht richtig freuen konnte, habe ich gemerkt, dass ich eigentlich etwas ganz anderes will: nämlich diese Weltreise auf dem Motorrad machen. Und als ich dann wusste, was ich wirklich will, war plötzlich alles ganz einfach und klar. 4 Monate später bin ich aufgebrochen.

Alleine zu sein wird von außen oft als Mangel wahrgenommen, und auch wir selbst definieren uns oft durch die Beziehungen, die wir in unserem Leben haben. Was hat sich an deiner inneren Stärke, an deinem Selbstbewusstsein, verändert, so lange Reise ganz alleine zu unternehmen?

Für mich war das Spannendste am Alleine-Reisen, die komplette Verantwortung für sich selbst zu tragen. Alle Entscheidungen, die man trifft, kommen aus eigenem Antrieb – es gibt nicht mal eben einen Partner, Familie oder Kollegen, die einen beraten können. Ziemlich schnell merkt man dabei auch: Nur ich allein bin für mein eigenes Wohlbefinden verantwortlich. Das war für mich eine ziemlich beeindruckende Erfahrung, weil man sonst schon gerne mal dazu neigt, den Partner, Arbeitskollegen oder den miesen Chef verantwortlich zu machen, wenn es bei einem selbst mal nicht so gut läuft. Wenn man alleine reist, dann kann man nur sauer auf sich selbst sein, wenn man eine weniger optimale Entscheidung getroffen hat – und das wiederum macht gar keinen Spaß, also lässt man es einfach und trägt weniger Grundgroll mit sich herum.
Alleine Reisen bedeutet übrigens nicht unbedingt, immer nur alleine zu sein. Denn gerade wenn man alleine reist, kommt man viel schneller in den Kontakt mit Einheimischen oder anderen Reisenden.

Die Pflichten des Alltags hinter sich zu lassen und nur noch Freiheit vor sich zu spüren, wirkt von außen erstmal wie ein langer Urlaub, in dem man bestimmt durchgehend glücklich ist. Du sagst, niemand ist immer glücklich, egal wie die Lebensumstände sind – und schreibst von einem Tief, von Tränen, die dich beim Fahren überkamen, als du in Australien warst. Hast du dich auf der Reise insgesamt glücklicher gefühlt, als in deinem Leben zuvor?

Das Interessante an so einer langen Reise ist: Es fühlt sich eben nicht wie ein langer Urlaub an, sondern das Reisen selbst wird zu einem neuen Alltag, in dem man sich natürlich anders verhält als zu Hause in einem 9-to-5 Job – aber trotzdem baut man sich ziemlich schnell wieder ganz eigene Strukturen für diesen neuen Alltag. Das mag vielleicht komisch klingen, aber dadurch entstehen dann auch neue Pflichten: Früh aufstehen, weil man sonst die Strecke, die man am Tag vor sich hat, nicht schafft, das Motorrad warten, Essen besorgen, Wäsche waschen. Gerade die kleinen Alltagsaufgaben sind auf Reisen oft komplizierter und nehmen viel Zeit in Anspruch, weil man sich über Sprachbarrieren verständigen muss und eben nicht das immer gleiche zu Hause hat, in dem man diese Aufgaben wie nebenbei erledigen kann. Und wie in jedem Alltag, ist man auch auf so einer Reise nicht immer glücklich. Generell hat mich allerdings schon eine ständige Dankbarkeit begleitet, dieses Abenteuer erleben zu dürfen und auf dieser Reise zu sein. Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich glücklicher gefühlt habe, als in meinem alten Leben, aber ich war definitiv zufriedener. Wenn man weiß, dass man gerade etwas tut, das man tun will, und wenn man weiß, dass man genau an dem Ort ist, an dem man sein möchte, dann trägt man einfach eine viel größere Zufriedenheit mit sich herum, die dann auch helfen kann, die Tiefpunkte, die es natürlich auch immer geben muss, leichter zu überwinden.

Eine so intensive Reise zu unternehmen, führt einen bestimmt ein großes Stück mehr zu sich selbst und lässt einen einiges im Leben hinterfragen. Wie sieht es mit dem Glücklichsein aus, seitdem du wieder zurück bist? Fühlt du dich anders, als vor deiner Reise?

Es ist auf jeden Fall viel von der Zufriedenheit geblieben, weil ich jetzt weiß, dass wir verantwortlich sind für unsere Entscheidungen und dass diese Entscheidungen uns auch zu dem machen, wer wir sind. Ich dachte immer so eine Reise alleine würde mich „härter“ machen, zu einer echten Einzelkämpferin. Aber eigentlich ist genau das Gegenteil passiert: Ich wurde „weicher“, emphatischer und toleranter.

Welche Grundpfeiler deines Lebens haben sich durch die Reise verändert? Und gibt es Dinge aus deinem Leben davor, zu denen du nicht mehr zurück willst?

Man soll ja niemals nie sagen, aber gerade würde ich nicht wieder zurück in einen normalen Bürojob wollen. Ich arbeite seit ich zurück bin als selbstständige Freelancerin – und obwohl ich mehr arbeite, als in meinem alten Job vor der Reise, ist es für mich sehr befreiend, mir selbst meine Aufgaben aussuchen zu können und mich nicht vor irgendwelchen Vorgesetzten oder Kollegen rechtfertigen zu müssen, wie und mit was ich meine Zeit verbringe. Das macht mich selbst auch viel produktiver. Der Grundpfeiler „Beruf“ hat sich durch die Reise also in eine ganz andere Richtung entwickelt, als ich es mir davor hätte vorstellen können. Ich selbst bin dagegen wahrscheinlich eher eine erweiterte Version meines alten Ichs: Noch immer ich selbst – mir machen auch noch immer die selben Dinge Freude – aber durch die vielen Erfahrungen reicher und ein bisschen erwachsener.

Der gesattelte Esel, der das eigene Schicksal verkörpert, ist ein zentrales Bild in deinem Buch. Anstatt in vermeintlich festen Bahnen zu bleiben, hast du dein Leben komplett umgekrempelt – stecken wir vielleicht alle zu sehr in Strukturen fest, die wir eigentlich auch verändern können?

Ich bin ein Mensch, der tendenziell dazu neigt, die Dinge gerne ein bisschen anzuschieben und unruhig wird, wenn sie sich nicht schnell genug verändern. Deswegen habe ich mich sehr oft gefragt: Wieviel müssen wir ändern an den Strukturen, in denen wir vermeintlich feststecken, und wann ist es besser, einfach gelassen zu sein, und den Dingen die Zeit zu geben, die sie brauchen, um sich zu entwickeln? Ich bin ein großer Verfechter der Theorie, dass wir sehr viele Dinge selbst in der Hand haben, und selbst einen neuen Weg suchen müssen, wenn wir mal in einer Sackgasse landen. Deswegen fand ich auch das Sprichwort so schön, das mir eine Familie in Pakistan mit auf den Weg gegeben hat: „Das Schicksal ist ein gesattelter Esel, es geht, wohin du ihn führst.“ Das bedeutet aber nicht, dass jede Struktur, in der wir stecken, grundsätzlich schlecht ist. Wir brauchen manche Struktur, um nicht täglich durchzudrehen bei all den Entscheidungen, die wir treffen könnten, und all den Dingen, die wir durch das Treffen einer Entscheidung ausschließen. Ich glaube ein gesunder Mittelweg ist da das Beste: Wenn man einen Traum oder Wunsch hat, dann sollte man sich auf jeden Fall trauen, ihn zumindest einmal auszuprobieren. Aber nur weil wir an einem Tag vielleicht mit dem falschen Fuß aufgestanden und mal nicht so glücklich sind, heißt das nicht, dass wir sofort unser ganzes Leben umkrempeln müssen und zum Aussteiger werden. Kleine Veränderungen, und vielleicht ein bisschen mehr von den Dingen tun, die uns selbst Freude bereiten, kann schon wahre Wunder wirken.

Und zum Schluss: Was ist für dich die wichtigste Erkenntnis, die du durch die Reise gewonnen hast?

Dass unsere Welt ein fantastischer Ort ist, auf den wir viel besser aufpassen müssen. Wir alle haben das Privileg, diese Erde miteinander zu teilen, und sie gehört nicht einem Menschen mehr als einem anderen.

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