Mahlzeit: Die Mittagspause am Elisabethmarkt

19. September 2016 von in

Vor meiner Haustüre ist Baustelle. Ich habe in den letzten drei Jahren in drei Wohnungen gelebt und hatte vor meiner Haustüre immer Baustellen. Ich habe mich nach jahrelangem Herumquälen daran gewöhnt und akzeptiert, dass der röhrende Dauer-Lärm zur Großstadt dazu gehört und blende ihn die meiste Zeit aus. Wenn ich Homeoffice mache, zum Beispiel. Während ich in meiner Küche sitze und Artikel schreibe, stört mich der Lärmpegel wenig, da er durch seine konstante Penetration im Hintergrund verschwindet. Ein bisschen wie Fernsehgeräusche von früher.

Der Lärm stört mich nur, wenn ich nicht arbeite. Wenn ich Pausen zwischen Artikel und Mails schreiben einlegen möchte, eine Tasse Kaffee trinken will oder ein Brot essen. Als die Baustelle vor einigen Monaten noch nicht war, haben sich meine Mittagspausen dementsprechend wenig von meiner Arbeitszeit unterschieden. Ich saß an meinem Laptop und war nun auf Facebook statt auf Word.

Letzte Woche habe ich aber begonnen, meine Mittagspausen abseits der Baustelle zu verbringen und besuche seither mehrmals die Woche den Elisabethmarkt um die Ecke. Ich habe das Glück, den Elisabethmarkt ums Eck zu haben, da er sich perfekt für eine kurze Auszeit wie die einer Mittagspause eignet. Dort finden sich kleine Standl, wie zum Beispiel Käsestandl, Gemüsestandl, Brotzeitstandl, ein kleiner Italiener mit täglich wechselnden Pastagerichten (der beste Italiener der Stadt, wenn ihr mich fragt) und ein Kaffeestandl.

Wenn es mir nicht spontan nach einer großen Portion selbst gemachter Pasta kredenzt, entscheide ich mich meistens für den Kaffeladen. Dort bestelle ich am Tresen entweder einen Cappucino oder einen Cold-Pressed-Filter-Irgendwas, den mir – nennen wir ihn Lukas – empfiehlt. Lukas ist eigentlich immer da und ein wahrer Barristo. Wir verstehen uns prächtig. Wir haben binnen kürzester Zeit eine Routine entwickelt wie ein altes Ehepaar. Ich setze mich draußen in die Sonne und packe mein Zeit- oder Jetzt-Magazin aus, das die letzten Monate stets unberührt auf meinem Küchentisch lag (weil keine Zeit, ihr wisst ja) und fange an zu lesen. Lukas bringt mir meine Bestellung und wir reden kurz über die Kaffeebohnen, die er neu rein bekommen hat und er erklärt mir, was diesen Espresso so besonders macht. Er schmeckt heute blumig und herrlich frisch. Ich genieße den Kaffee so langsam wie möglich, da er so fantastisch schmeckt und ich nicht möchte, dass es aufhört. Dann, irgendwann, ist die Tasse leer und Lukas bringt mir unaufgefordert eine weitere Tasse Kaffee.

Ich lege meine Füße auf den Stuhl und genieße die Ruhe um mich herum. Der Elisabethmarkt ist schon fast kitschig friedlich. Es ist Montag, 13 Uhr. Die Mittagspause sollte unter der Woche die wichtigste Zeit des Tages sein. Denn eigentlich gibt es nicht Schöneres, als die Arbeit an einem freundlichen Ort für eine Stunde mit einem Kaffee und einer guten Leselektüre zu unterbrechen. Das ist wie Urlaub, nur stressfreier. Und günstiger ist es auch.

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9 Antworten zu “Mahlzeit: Die Mittagspause am Elisabethmarkt”

  1. Das ist so beruhigend und schön geschrieben, dass ich mich schon morgen auf meine Kaffeepause freue! Wenn ich wieder in einer Großstadt wohnen würde, dann würde ich wohl auch häufiger mein Geld für solche Cafébesuche ausgeben. Danke für den Einblick :)

  2. Ich hab zwar keine Baustellen vor der Haustüre, aber wenn ich Mittagspause mache, gehe ich meist in den Garten. Dort kann ich im Sommer auch die Ruhe genießen. Im Winter bin ich mit dem Glück gesegnet einen Wintergarten zu haben.

  3. Schade, dass man keine Bilder sehen kann von diesem Plätzchen, hört sich sehr gut an.

    P.S. Du meinst wahrscheinlich „gelüstet“ statt „kredenzt“. Das bedeutet „servieren“ ;)

  4. Lust auf Stadt hat mir der Artikel zwar nicht wieder gemacht, aber auf Kaffee. Kaffee ist die härteste Droge. Ich sag’s euch. Auf alles andere zu verzichten ist einfach.
    Liebe Grüße aus dem Ashram.

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