Mental Health Awareness Month: Habt Verständnis nach der Krise!

19. Mai 2021 von in ,

Während ich das ganze vergangene Jahr dank meines Buches viel über mentale Gesundheit und mein Leben mit Angst & Panik gesprochen habe, ist das Thema hier viel zu oft viel zu kurz gekommen. Hatte ich mir doch vorgenommen, öfter aus dem Leben mit einer Krankheit zu erzählen, die so unsichtbar und deshalb oft so schwer zu verstehen ist. Der Mental Health Awareness Month ist der Mai – und warum nicht jetzt, ein Jahr nach der Buchveröffentlichung mein Vorhaben wieder aufgreifen. Wenn wir ehrlich sind, geht uns mentale Gesundheit alle an. Spätestens mit der Krise haben wir gemerkt: Wir haben alle unsere Baustellen. Resilienz und Stressresistenz sind unterschiedlich ausgeprägt, und so kämpfen wir uns alle durch eine Pandemie, die wir so nicht erahnen konnten.

In Interviews wurde ich oft gefragt, wie es mir  in dieser krisenhaften Zeit denn so geht. Die meisten musste ich in ihrer Erwartung enttäuschen: Mir geht es gut, sagte ich immer. Und das war die Wahrheit. Denn dank meiner lieben Freundin Angst bin ich so krisenerprobt, dass mich Corona kaum aus der Bahn warf. Ich hatte mir die Resilienz hart erarbeitet, dank kleinerer persönlicher Krisen in den vergangenen Jahren. Und gleichzeitig weiß ich, ist das nur die halbe Wahrheit: Corona hat die Angst auch so ein bisschen in den Winterschlaf geschickt. U-Bahn-Fahren – ist gerade für niemanden en vogue. Termine – ebenfalls abgesagt. Stau stehen? Wann denn? Und Essengehen – nur sehr selten im vergangenen Jahr. Ich weiß, ich vermeide gerade – gezwungenermaßen. Das verschafft mir Luft zum Atmen, macht mir aber unweigerlich auch klar: Nach der Pandemie ist ganz viel Arbeit angesagt. Dann, wenn ich mich wieder konfrontieren kann und darf, und das längst Ungewohnte wieder zum Gewohnten machen muss. Aber ich sag’s mal so: Seltener habe ich mich so auf eine Konfrontation gefreut, wie jetzt.

Was mich zum eigentlichen Thema bringt, dass mir zum Mental Health Awareness Month eingefallen ist:
Verständnis für emotionales Wirrwarr nach der Krise.

Denn ich weiß, wenn alle Welt sich freut, geimpft endlich wieder die Biergärten stürmt, wird ein Teil in mir zögern, unsicher sein und vielleicht mit Übelkeit reagieren. Ich werde Tage haben, an denen ich mich mutig aufs Rad schwinge und den Biergarten freudestrahlend erreiche. Und es wird Tage geben, da drehe ich am Absatz um, zu viele Menschen, zu viel Druck, zu viel von allem. Nur: Werden das auch meine Mitmenschen verstehen? Nach all der Zeit, den eigenen Struggles und der überbordenden Freude über die zurückgewonnene Freiheit?

Ich hoffe es. Gleichzeitig weiß ich, wie schwer es ist, etwas zu verstehen, dass man nie selbst am eigenen Leib erfahren hat. Klar, einen Schnupfen kennt jeder. Aber wir wissen, selbst die Warnungen, die Erzählungen von Corona-Infektionen hielten eben nicht alle davon ab, gegen Schutzmaßnahmen zu verstoßen. Weil man es oft erst selbst erleben muss, um Respekt vor Dingen zu haben. Das ist menschlich. Und zugleich freue ich mich für jeden, der niemals erleben muss, wie sich eine Panikattacke anfühlt. Trotzdem wünsche ich mir, dass die Empathie soweit reicht, dass man mir das Gefühl erlaubt. Meiner Angst glaubt. Verständnis zeigt, nachsichtig ist und im besten Falle unterstützt. Die Zwangspause hat Spuren hinterlassen. Einfach so zurück ins alte Leben wird nicht funktionieren.

Sätze wie „Reiß dich doch zusammen“ oder „Ist doch wirklich nicht so schlimm“, habe ich in all den Jahren oft gehört.

Während ein „Reiß dich doch zusammen“ wahrlich nichts bringt, außer noch mehr Angst und Druck, ist das „Ist doch nicht so schlimm“ vielleicht noch ein bisschen gemeiner. Weil es stimmt. Ich weiß, dass es nicht schlimm ist, mit vielen Menschen für wenige Minuten in einer U-Bahn im Tunnel eingeschlossen zu sein. Das weiß mein Kopf, mein Verstand, jede noch so rationale Zelle in mir. Nur: Ich bestehe auch aus Emotionen. Und die lassen sich von meiner Ratio leider nicht immer überzeugen. Meine Gefühle sind in diesen Angstsituationen echt, mir ist wahrlich schlecht, ich möchte nur noch weg, und ein „Ist doch nicht so schlimm“ tut nichts für mich und für meine Mitmenschen. Außer, dass ich ihnen vielleicht noch eher vor die Füße kotze. Weil ich mich wie eine Versagerin fühle. Und glaubt mir, das tut man als Angstpatient*in sowieso schon viel zu oft. Was mir persönlich hilft, Verständnis und vielleicht die offene Kommunikation, dass man gerade wirklich selbst so ein bisschen hilflos im Raum steht.

„Es fällt mir schwer, die Angst nachzuvollziehen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Situation gerade schwer ist.“

Was ändert dieser Satz? Einfach alles. Denn ich – und meine Gefühle – werden ernst genommen. Sie dürfen sein, auch wenn es schwerfällt, sie nachzuvollziehen. Jetzt, aber noch mehr nach der Krise. Sie dürfen da sein, auch wenn alle Welt nur eines im Kopf hat: endlich wieder Freiheit. Und mit diesem Verständnis an meiner Seite fällt es mir so viel leichter, vielleicht dann doch den Biergarten zu stürmen. Im zweiten Anlauf.

Das bedeutet nicht, dass meine Freund*innen ein grenzenloses Verständnis-Konto aufbauen müssen. Aber es sollte einen kleinen Dispo geben. Meine Angst ist real. Sie gehört zu mir. Gerade jetzt nach der Pandemie werde ich mein Konto wohl hin und wieder ausreizen. Und mit jedem Schritt in Richtung Ausgleich wächst mein Vertrauen und somit irgendwann auch wieder das Konto in Richtung Plus. Heißt: Ob ich den Biergarten stürme, wird irgendwann gar nicht mehr zur Debatte stehen.

Bis dahin hoffe ich auf Verständnis. Während ich mich höchstwahrscheinlich Schritt für Schritt wieder ans neue alte Leben gewöhnen und so manchen Kampf mit meinen Angstmonsterchen ausfechten muss, braucht der andere vielleicht einen Moment Zeit, sich von der anstrengenden Phase der Pandemie zu erholen. Ist überfordert mit dem neuen alten Überangebot an Möglichkeiten. Oder hat plötzlich Sorgen und Ängste, die es vorher nicht gab.

Verständnis hilft. Kommunikation auch. Alle Gefühle aussprechen, ihnen Raum geben und einander zuhören. Jetzt und nach der Pandemie. Jeder von uns geht anders mit dieser Situation um, jeder von uns hat eine andere mentale Stärke. Den Schalter einfach umlegen, mag für den ein oder anderen funktionieren. Bei anderen dauert es, bis er wieder einrastet. Und manchmal klemmt die Taste namens mentale Gesundheit eben ein Leben lang. Und trotzdem ist das Leben ein gutes.

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