Projektion: Wie der Zauber des Nichtwissens unsere Wahrnehmung beeinflusst

13. Februar 2023 von in ,
Bild für die Collage via Pixaby
Ich kannte mal jemanden, bevor ich ihn kannte. So vom Sehen. Jeden Morgen stieg er an genau der gleichen Stelle in die gleiche Bahn, in der ich saß. Es war eine Gewohnheit. Wir hatten denselben Tagesablauf – ohne dass wir uns kannten. Er war für mich ein bekanntes Gesicht ohne Namen. Ohne Geschichte und ohne Kontext. Abgesehen davon, dass wir jeden Morgen eine bestimmte Anzahl an Haltestellen gemeinsam zurücklegten. Und dann lernten wir uns kennen. Und diese anfängliche Faszination, die ich hatte, verschwand. Ich lernte den echten Menschen kennen, und die Magie des Nichtwissens verpuffte. Und mit ihr auch die Anziehung. Denn in dem Prozess des immer mehr Erfahrens, indem ich die andere Person zu erleben und verstehen begann, verstand ich, dass ich es besser bei dem bekannten Gesicht ohne Namen belassen hätte. Doch an dem Punkt gab es kein Zurück.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Cinema Mon Amour (@cinemamonamourpage)

Projektion – die unbekannte Variable

Schon komisch, dass das Kennenlernen manchmal auch einen völlig gegenteiligen Effekt haben kann. Schon komisch, dass wir entgegen der Annahme, dass wir jemanden extrem interessant finden, genau dieses Interesse auf einmal verlieren. Doch womit hängt das zusammen, und wieso malen wir uns manchmal Geschichten über andere Menschen aus, die weder Hand noch Fuß haben? Das Zaubermittel nennt sich Vorstellung oder auch Projektion und ist der Grund, wieso Kontext so unheimlich wichtig ist. Denn ohne den Kontext lebt jeder in seiner Sichtweise auf die Welt und sieht andere nur in der eigenen Wahrnehmungsweise. Eben weil die Faszination mit dem Unbekannten, dem, was man nicht weiß, ein Teil der menschlichen Neugierde ist. Und die verspricht eine unendliche Möglichkeit an Geschichten. Geschichten, die im Auge der Betrachtenden liegen.

Manchmal ist die eigene Wahrnehmung also ein unzuverlässiger Erzähler. Und man existiert mit Menschen in unterschiedlichen Handlungssträngen. Denn dort, wo nicht alles auserzählt wird, herrscht genügend Raum für Interpretation. Und damit eben auch für Projektion. Laut dem Lexikon der Psychologie wird Projektion wie folgt definiert: „

Projektion ist ein zentraler Abwehrmechanismus [oder] das unbewusste Übertragen von Affekten und Impulsen auf ein Gegenüber. Anteile des eigenen Selbst werden [der anderen Person] in einer mit Wünschen einhergehenden Interaktion unterstellt – in der festen Überzeugung, dieser sei so, wie man ihn wahrnehme[n möchte].“

Ganz schön gefährlich, würde ich sagen. Denn nimmt man es genau, versucht man so, jemand anderen in eine bestimmte Form zu pressen. Einen Rahmen, der die zwischenmenschliche Interaktion limitiert oder in eine bestimmte Spur lenkt.

Die Idee hat nichts mit der Realität zu tun

Auch ich habe dieses Jahr Erfahrung mit so einer Art von Projektion machen müssen. Einer Vorstellung von mir, die mir auferlegt wurde und der ich niemals gerecht werden konnte. Denn diese Idee von mir hatte nichts mit mir selbst zu tun. Stattdessen basierte sie auf einer einmaligen Begegnung, auf Momentausschnitten, die ich dabei erzählt habe, und dem Teil meines Lebens, der via Social Media für alle zugänglich ist. Ein Grund, wieso ich, kommt es zum Beispiel beim Dating zu der Frage nach meinem Insta-Namen, immer mit einem „Ich bin Fan von erst IRL kennenlernen“, antworte. Nicht, weil ich finde, dass mein Instagram-Account nicht mein Leben und meine Person gut widerspiegelt, denn das trifft es finde ich ganz gut. Eher, weil vor allem der dort enthaltene Job-Teil für viele, die nicht in dieser „irgendwas mit Medien“-Bubble sind, oft in eine bestimmte Schublade eingeordnet wird. Und auch ich bin eben mehr als meine Profession, mein Kleidungsstil und ja, auch meine Kolumnen.

Aber wie kann man sich davon freimachen? Wie kann man nicht erwarten, wünschen, hoffen oder eben projizieren? Denn anscheinend scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, sich diesem Prozess ganz natürlich zu unterwerfen. Indem man Annahmen aufgrund von äußerer Umstände trifft. Fragmente falsch oder zumindest nicht entsprechend zusammensetzt – weil man vielleicht gar nicht über sie hinwegsehen möchte. Denn die Wahrheit so zu akzeptieren, wie sie eigentlich ist, ist auch nicht immer die schönste Art und Weise. Daher könnte man also sagen: Projektion ist eine Art romantisierende Sichtweise durch eine gefilterte Brille. Eine, die ganz uns gehört.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Fabian Hart (@fabianhart)

Projektion will die Lücken füllen, die wir uns nicht erklären können

Das ist so, als würde man eine Geschichte erzählen. Im Co-Erzähler-Modus, bei dem jede:r an unterschiedlichen Stellen Fragmente hineinwirft, die der andere scheinbar vergessen hat. Oder bewusst ausgelassen. Da sie ihm:ihr in dem Moment nicht wichtig erschienen. Nicht, weil die Story dadurch nicht weniger wahr oder interessant wäre. Mehr, weil es in der Art des Erlebens von ein und derselben Situation unterschiedliche Sichtweisen gibt. Ähnlich ist es mit den Menschen, die wir treffen. Wir begegnen einander in unzähligen Momenten, flüchtig. Manchmal näher. Aber immer mit Distanz – zuallererst auf Abstand. Und um diese Lücke zu füllen, nutzen wir unsere Imagination als Mittel und spinnen Geschichten im Konjunktiv, die ganz schnell zu einer selbst gebauten Projektion werden können – fernab der Realität.

Manchmal ist die Vorstellung so viel besser als die Realität. Denn die kann nicht mit den unzähligen Kopffilmen mithalten, die man sich ausgemalt hat. Während man auf den Moment wartete. Mit dem Bild mithalten, das sich im eigenen Kopf formte, während man sich noch nicht kannte. Das ist wie diese Illusion des Schul-Crushes in einem Teenie Film, in dem man ab der Hälfte feststellt, dass die Idee rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Denn die Vorstellung oder das Versprechen waren so viel besser als das, was dann in Wirklichkeit passiert. Denn unsere selbst gemachte Erwartungshaltung nimmt der anderen Person das überraschende Moment. Wie auch immer diese idealisierte Projektion aussieht, niemand kann einem Bild entsprechen, von dem er oder sie nicht einmal weiß, dass es erfüllt werden muss.

Manchmal scheint die Faszination mit dem Unbekannten größer als der Wunsch, den echten Menschen kennenzulernen

Vielleicht ist die Projektion auch der Grund, wieso es viele Online-Dates nicht aus dem Chat herausschaffen. Denn solange man sich nicht trifft, kann das Bild der Person, das nur geschrieben existiert, aufrechterhalten werden. Sobald man sich wirklich begegnet, ist da das Risiko, dass die Realität nicht mehr passt. Das Bild, was entstanden ist, auf einmal in sich zusammenfällt und man diese romantisierte Version des anderen für etwas aufgeben muss, das keinerlei Anziehung für einen besitzt. Also belassen wir es beim Texten und Lesen. So, als würden wir eine Geschichte verfolgen, die nichts mit uns und dem Leben zu tun hat. Uns für einen Moment aber genug Unterhaltung bietet. Eine Auszeit von der Realität, in der man sich, sobald man einen Menschen kennenlernt, auch ordentlich mit ihm auseinandersetzen muss. Egal, ob einem alles gefällt oder nicht. Denn das Einzige, was Bestand hat, geht weit über jegliche Art der Vorstellung, Erwartungen und die Projektion hinaus.

Sharing is caring

2 Antworten zu “Projektion: Wie der Zauber des Nichtwissens unsere Wahrnehmung beeinflusst”

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner