Kolumne: Können wir unsere Wünsche manifestieren?

19. November 2021 von in

„Dieses Haus war kein Zufall. Ich hab das manifestiert!“ Als ich diesen Sommer auf der Terrasse meiner Tante saß, sah sie mich eindringlich an, und erzählte, wie sie ihr Haus gefunden hatte. Das, tatsächlich ein ganz schöner Zufall, genau in derselben Straße meiner Großeltern steht und so ziemlich genau alle Bedürfnisse meiner Tante erfüllt. Ein ganz schöner Zufall – oder eben genau kein Zufall? Wenn man meine Tante fragt, ist die Antwort klar: Manifestation hat das Haus in ihr Leben kommen lassen, oder sie zu ihrem Haus. Das, und unzählige weitere Dinge, denn meine Tante ist ein ziemlich spiritueller Mensch, und das Manifestieren gehört schon lange zu ihrem Alltag – genau wie Yoni-Eggs oder Retreats, die sie sogar selber gibt.

All das sind Begriffe, denen ich in den vergangenen Jahren auch immer mehr in meiner eigenen Bubble begegne, in Instagram-Posts, in Lifestyle-Artikeln und in meinem Bekanntenkreis. Und in diesem und letztem Jahr lief mir ein Begriff ganz besonders häufig über den Weg, auch außerhalb des Gartens meiner Tante: manifestieren. Begrifflich meint Manifestieren eine Art Sichtbarwerden oder Sichtbarmachen, auch in verschiedenen Religionen wie dem Buddhismus oder dem Christentum tritt der Begriff auf.

In der Esoterik oder der spirituellen Bedeutung meint Manifestieren das bewusste Erschaffen einer eigenen Realität, die man, so die Annahme, selbst ein Stück weit beeinflussen kann.

Wie das Manifestieren genau abläuft, dazu gibt es unzählige Anleitungen und Methoden. Was sie alle gemeinsam haben, ist eine ganz bewusste Herangehensweise an Wünsche und Ziele. Je genauer man seine Wünsche formuliert, sich darauf konzentriert, sie aufschreibt, aufmalt und sie sich bis in kleine Details vorstellt, desto wahrscheinlicher, so die These, ist es, dass sie sich auch wirklich in der Realität erfüllen. Typische Dinge, die man manifestiert, sind zum Beispiel ein neuer Job, eine Wohnung oder ein Haus, aber auch Menschen.

Ein neuer Freund oder eine neue Freundin, der oder die wirklich Zeit, ähnliche Interessen und Lust auf gemeinsame Erlebnisse hat. Oder ein Partner, der dieselben Bedürfnisse und Wünsche an eine Beziehung hat wie man selbst.

In Hannah und Marie Krutmanns neuem Buch „Everyday Magic“, das ich sehr gerne gelesen habe, findet sich ein ganzes Kapitel zum Thema Manifestation – und auch zu all dem Unsinn, was daraus oft von Lifecoaches und Co. gemacht wird. Denn natürlich ist es nicht damit getan, sich aufzuschreiben, was man gerne hätte – und schon ist es eben da. Natürlich hat es viel mit Privilegien zu tun, die Traumwohnung nicht nur zu finden, sondern sie sich auch leisten zu können. Natürlich gibt es Dinge, die sich leider niemals erfüllen werden, egal wie sehr man sie sich wünscht – und Schicksalsschläge, die sich nicht hinwegmanifestieren lassen. Und natürlich gibt es auch viel zu viele Personen, die niemanden stärken, sondern mit esoterischen falschen Versprechen Gutgläubigen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die unzähligen „Law of Attraction“ oder „Gesetz der Anziehung“-Lebenshilfe-Bücher, Podcasts, Onlinekurse und Co. fühlen sich für mich zum Beispiel nicht gerade vertrauenserweckend an.

Und doch: Das Thema Manifestation interessiert mich, und je öfter ich über den Begriff stolpere, desto interessanter finde ich das Prinzip.

Denn wie so oft sprechen mich spirituelle Praxen nicht deshalb an, weil ich an Übersinnliches glaube, sondern weil ich den psychologischen Faktor dabei so spannend finde.

Denn was haben ein Manifestations-Ritual, ein Gebet oder die Zielformulierung in einem Lifecoach-Seminar gemeinsam? Das ganz bewusste Innehalten und Nachdenken über einen bestimmten Wunsch. Die konkrete Formulierung des Wunsches in all seinen Facetten, was auch beinhaltet, sich zu fragen, warum man ihn sich überhaupt wünscht. Und ob der Wunsch überhaupt wirklich das ist, was einen glücklich macht. Wie auch in einer Therapie ist es hier übrigens besonders wichtig, nicht wild seine Wünsche drauf los zu formulieren und zu manifestieren, sondern erstmal tief in sich reinzuhören. Und herauszufinden, was man sich eigentlich aus welchen Gründen wünscht, und welche Bedürfnisse dahinterstecken.

 

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Ein Job mit einem guten Gehalt ist vielleicht ein Wunsch, der vielen im Kopf herumschwirrt. Je konkreter man allerdings darüber nachdenkt, was man sich eigentlich von seinem Job wünscht, desto klarer entsteht ein Bild vor dem inneren Auge: ein Job, in dem man mehr organisiert als kreativ arbeitet oder anders herum, ein ortsungebundener Job oder einer in einem Start-up voller internationaler Menschen, ein Job mit viel oder wenig Kommunikation, Verantwortung oder Abwechslung – je genauer man auslotet, welche Details einen glücklich machen, und welche einen schon in der Vorstellung stressen, desto mehr schärft sich das Bild. Und, dazu braucht man nicht an Magie zu glauben, desto klarer wird man künftig auch all das wahrnehmen, was mit diesem Bild zu tun hat. Jobanzeigen, Erzählungen von FreundInnen aus ihrem Berufsleben, die eigenen Fähigkeiten, Fortbildungsmöglichkeiten. Ist der Wunsch einmal klar formuliert, ist auch die Wahrnehmung von allem, was damit zu tun hat, gestärkt – und das Ziel rückt wahrscheinlich tatsächlich auch in der Realität näher.

Eigentlich ist es sogar logisch, dass eine klare Vorstellung von dem, was man möchte und all dem, was man nicht möchte, auch Einfluss auf  Zwischenmenschliches haben kann: Wer sich eine Liste mit all den Eigenschaften schreibt, die er sich bei einem potentiellen neuen Freund oder einer neuen Freundin, egal ob platonisch oder romantisch, wünscht, und vor allem genau über jeden Punkt nachdenkt – der wird bei jedem Gespräch mit einer neuen Person intensiver wahrnehmen, ob diese Person Eigenschaften hat, die auf der Wunschliste stehen. Bedürfnisse, die zu den eigenen passen, oder Charakterzüge, die man selbst nicht hat, die aber eine wunderbare Ergänzung sein könnten.

Gleichzeitig, und das ist mindestens genauso hilfreich, können Red-Flag-Antennen geschärft werden, wenn man durch das Manifestieren klarere Vorstellungen vor Augen hat – auch dazu, was einem überhaupt nicht gut tun würde.

Es gibt unzählige Methoden, wie das Manifestieren genau aussehen kann. Von Listen, die man schreibt und eventuell aufhängt, über Rituale oder das laute Aufsagen von Wünschen mehrmals am Tag. All das ist übrigens auch nichts neues für alle, die Therapieerfahrung haben – sich so intensiv wie möglich und mit allen Sinnen in positive Erlebnisse oder gewünschte Situationen zu versetzen ist zum Beispiel eine gängige Praxis aus der Angsttherapie.

Ende letzten Jahres habe ich wohl, ohne es klar so zu benennen, manifestiert.

In den Rauhnächten zwischen den Jahren schrieb ich 13 Wünsche auf Zettel und verbrannte jeden Abend einen davon (zum besten Rauhnächte-Guide geht es hier entlang). Und tatsächlich. Allein schon das bewusste Aufschreiben der Wünsche führte dazu, dass ich dieses Jahr immer wieder darüber nachdachte: Haben sich die Vorsätze und Wünsche erfüllt? Kann ich etwas tun, um sie in Erfüllung gehen zu lassen? Einer meiner Wünsche war gewesen, 2021 noch mehr als Dozentin zu arbeiten. Diesen Wunsch im Hinterkopf, beobachtete ich mich im Laufe des Jahres dabei, viel mehr Dozentenanfragen anzunehmen und mir mehr zuzutrauen als vor der Formulierung dieses Wunsches.

Einmal aufgeschrieben brachte mich die Formulierung wohl dazu, diesen Wunsch mehr auf dem Schirm zu haben und mehr zu verfolgen – und tatsächlich habe ich 2021 so viele Seminare gehalten wie noch nie.

Und nicht nur berufliche Wünsche, auch Klarheit in anderen Bereichen haben die 13 kleinen Zettelchen für mich gebracht. Allein schon mir einmal genau zu überlegen, welche 13 Veränderungen ich eigentlich in meinem Leben haben will, waren psychologisch gesehen schon die ersten Schritte auf dem Weg dazu. Und so werde ich das kleine Rauhnächte-Ritual ab sofort ganz sicher zu einer jährlichen Tradition werden lassen.

Mehr als das, also so richtig manifestiert, habe ich bisher noch nicht. Und die großen Manifestations-Rituale werde ich wohl auch erstmal nicht abhalten. Trotzdem finde ich das Thema ziemlich spannend – und bin gespannt, welche 13 Themen am Jahresende über mich kommen werden.

Oft sind einem Wünsche gar nicht bewusst, wenn man sich nicht mal etwas Zeit nimmt, darüber nachzudenken.

Und allein schon weil er mehr Leute zum Innehalten und nachdenken bringt, bringt, mag ich den Manifestations-Trend: über das, was einem wirklich wichtig ist, was einem fehlt, und was einem in der Zukunft so richtig gut tun könnte.

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4 Antworten zu “Kolumne: Können wir unsere Wünsche manifestieren?”

  1. Finde ich richtig schön, wie unaufgeregt und nicht-esoterisch du darüber schreibst. Ich mache seit 2, 3 Jahren zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ein ähnliches Ritual, um für mich das Jahr zu reflektieren und den Sommer zu verabschieden. Das hilft mir, dankbar zu sein und mich auf die kalte, dunkle Jahreszeit einzustellen (werde da schnell melancholisch :D). Das Rauhnächte Ritual schau ich mir mal an :)

    • Das freut mich wirklich sehr, danke für deinen Kommentar! Das Ritual zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche finde ich auch sehr schön, für mich ist die dunklere Jahreszeit auch insgesamt die Zeit, mehr zu reflektieren, nicht nur um Silvester herum. Sahmahin, also Halloween, ist ja zum Beispiel der Beginn des keltischen neuen Jahres, genauso ein guter Zeitpunkt, um Manifestationen zu formulieren :)

  2. Hi Milena, ich schließe mich dem ersten Kommentar an und finde es wirklich cool (komisches Wort dafür, egal), wie du dieses Thema angegangen bist. Und du hast recht – es ergibt ziemlich viel Sinn, dass das Manifestieren bzw. das Bewusstmachen von Wünschen uns hilft, der ein oder anderen Sache näher zu kommen. Das Rauhnächste-Ritual kannte ich bisher noch nicht und schaue mir das mal an. Es klingt wie meine kleine Bucket List für dieses Jahr, bloß schon fortgeschritten mit dem Verbrennen der auf Zettelchen geschriebenen Wünsche.

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