Sex and the City: Ist das Empowerment oder kann das weg?

18. Dezember 2018 von in ,

Es ist schon ein Zeichen besonderer Fortschrittlichkeit, wenn man Serien aus den 1990ern heute noch schauen kann, ohne alle paar Minuten zusammenzuzucken. Eine schrecklich nette Familie? Strotzt von Sexismus! Friends? Total weiß! Full House? Super konservativ! Auch die kultigste aller Kultserien – besonders für Modefans – passt gut in diese Kategorie. Und gehört eigentlich in die Mottenkiste. Oder?

Jowa sagt: Ich verstehe Sex and the City nicht

„Wisst ihr was mir heute aufgefallen ist?“, schrieb ich vor Kurzem in unseren Gruppenchat. „Ich hasse Sex and the City“. Niemand war wirklich schockiert, schließlich bin ich hier die Oberverfechterin der politischen Reflektion und außerdem – im Gegensatz zu Milena, Antonia und Amelie – nicht gerade modeaffin. Aber die Erkenntnis war für mich trotzdem neu, denn gefühlt mein ganzes Leben lang war es so selbstverständlich, dass man Sex and the City gut finden muss, dass ich immer dachte, ich verstehe nur irgendwie den Punkt nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, hab ich mich von der Serie immer irgendwie ausgeschlossen gefühlt – und mir trotzdem immer mal wieder Folgen reingezogen. In der Hoffnung, dass es „klick“ macht. Gefühlt hab ich dabei meistens… nichts.

 

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Hatte ich schon als Teenager einen unsichtbaren Sexismus- und Political-Correctness-Radar, der mich davor bewahrt hat, eindimensionale Frauenfiguren gut zu finden? Der schon damals unterbewusst meine Alarmglocken hat läuten lassen, wenn sich Mr. Big mal wieder wie der König aller Fuckboys verhielt? Der mich innerlich hat zusammenzucken lassen, wenn sich Kulturen fröhlich im Namen der Mode angeeignet wurden? So gern ich das glauben würde: Nein, ich glaube nicht, dass es daran lag. Trotzdem würde ich es endlich gern verstehen: Was macht Sex and the City denn sehenswert? Amelie?

Amelie sagt: Da steckt Feminismus drin!

Ich kenne Sex and the City auswendig. Hunderte Male habe ich die Kultserie durchgespielt, denn sie ist ideal für Abende, an denen ich nicht weiß, was ich sonst sehen will. Sie ist außerdem ideal für Liebeskummer oder schlechte Laune. Schließlich bewegen sich die vier Protagonistinnen Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda in einer Welt, in der es um großstadtliebende Frauen aus den späten Neunzigern und Zweitausendern geht, was später noch ein ganz wichtiger Punkt wird. Zwar sind Gays aus der Modeszene und Hetero-Männer zwar Hauptthemen der Serie, aber zumindest letztere galten immer eher als sexuelles Beiwerk. Carrie, die Erzählerin der Geschichte aus New York, kommt regelmäßig zu dem Schluss, dass die engsten Freundinnen das Wichtigste sind – und das mag manchmal albern und zu einfach wirken. Aber in Zeiten, in denen das Ego einem müffelnden Waschlappen gleicht, der viel zu lange Zeit einem weiteren Fuckboy zur Reinigung seines persönlichen Mülls diente und im Anschluss sicher unter seiner Schuhsohle verstaut wurde, halfen mir vor allem die ersten drei Staffeln von Sex and the City, die Realität zu vergessen, die sich wochenlang so qualvoll ungemütlich anfühlte.

 

Die ersten drei Staffeln deshalb, weil die Serie in meinen Augen danach an Seele verliert und nicht nur in den Outfits, sondern auch in der Handlung eine hollywood’sche Färbung annimmt, weswegen ich dir, liebe Jowa, in deiner Kritik zu 100% Recht geben würde. Doch ich muss die erste Hälfte der Serie verteidigen. Ist Sex and the City feministisch, fragst du. Ich sage: ja. Der Zusammenhalt unter den Freundinnen ist zwar noch kein griffiges Feminismus-Kriterium und nur ein Grund von vielen, doch soll er mein Allererster sein. Du kritisierst Sexismus, Rassismus und fehlende Political Correctness – und ich kann dir in keinem Punkt widersprechen, glaube aber trotzdem, dass die Serie ihre Daseinsberechtigung hat.

Jowa sagt: Heute funktioniert daran nichts mehr

Okay – dass man mit der Serie die Probleme der Gegenwart und des eigenen, schnöden Lebens gut vergessen kann, ist einleuchtend. Aber selbst das hat für mich nie so wirklich funktioniert. Vielleicht geht es ja gar nicht nur um Feminismus und Frauenbilder. Vielleicht begründet sich meine innere Abwehrhaltung auch vor allem in dem Habitus und in den Überzeugungen, nach denen Carrie & Co. in New York leben. All das war für mich schon immer so weit entfernt von meiner Realität, dass ich nicht wusste, woran ich meine Identifikation knüpfen sollte. Und da spielt der ökonomische Aspekt auch eine Rolle: Ich musste nicht erst selbst freiberuflich im Journalismus arbeiten um zu verstehen, dass es absolut utopisch ist, dass sich Carrie mit ihrer kleinen Sexkolumne drei Manolo Blahniks, ihr schickes Appartement und endlose Cocktails im Monat leisten kann – das war wohl auch schon damals etwas utopisch.

 

2018-Carrie würde heute in einer 2000-Dollar-Abstellkammer in Brooklyn leben, hätte Manolo Blahniks nur als Folge von Instagram-Kooperationen und könnte sich fancy Cocktails nur bei Arbeits-Events gönnen. Woran das liegt? Die für Sex & the City übliche Fixierung auf oberflächliche Statussymbole – also Schuhe, Markenklamotten und Männer mit Geld/Sixpacks – hat nur in Kombination mit einem stabilen Neoliberalismus funktioniert, wie es ihn lediglich bis etwa 2008 gegeben hat. Die Serie war in gewisser Weise eine Art Dauerwerbesendung für den schamlosen Genuss der Vorzüge, die es mit dich brachte, wenn man am richtigen Ende dieser Nahrungskette stand. Damals, als Kapitalismus in der Popkultur noch nicht hinterfragt wurde – lange vor dem Peak von Gentrifizierung, Globalisierung, Digitalisierung und der mit allem einhergehenden Erkenntnis, dass wir nur reich sein können, wenn andere arm sind. Als es noch witzig war, wenn Paris Hilton ein Shirt mit dem Aufdruck „Stop Being Poor“ trug. Und man ernsthaft noch daran glaubte, dass man sich den eigenen Wohlstand tatsächlich „verdient“ hätte.

 

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Amelie sagt: Sex and the City ist empowernd, aber mehr auch nicht

Ich gebe dir in allem Recht. Sex and the City ist zwar aus meiner Sicht feministisch, doch das bedeutet nicht, dass die Serie nicht trotzdem kapitalistisch oder gar woke wäre. Das Eine hat mit dem Anderen (leider) nichts zu tun. Wir beobachten hier das Leben von vier Single-Frauen in ihren Dreißigerjahren in der Großstadt, die ihr Leben lieben. Sie haben Erfolg und Sex, sind kultiviert und teilen, abgesehen von ihrer Affinität zur Mode, in ihren unterschiedlichen Klischees – der nachdenklichen und shoppingsüchtigen Carrie, der erfolgreichen und viel arbeitenden Anwältin Miranda, der kunstliebenden und spießigen Charlotte und der sexuell befreiten Samantha – eigentlich nur eine Gemeinsamkeit: keine von ihnen kann oder will kochen. Warum ist das so? Damals wurde noch viel mehr in den Geschlechterklischees gedacht, die wir heute verzweifelt versuchen zu bekämpfen, und es war für die Neunzigerjahre schon kontrovers genug, dass vier Frauen ab Dreißig erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsfrauen sind (Miranda ist sogar Partnerin einer Anwaltskanzlei), nicht nur Sex haben, sondern auch ausführlich darüber sprechen, und: eben nicht kochen können. Sie widersetzten sich dem Klischee einer Frau, die finanziell abhängig von ihrem Mann ist und den Haushalt macht. Das ist aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß, schließlich ist Feminismus heute viel komplexer und ist inklusiv gegenüber allen Menschen.

Sex and the City hat das Patriarchat nicht hinterfragt – Sex and the City WAR das Patriarchat. Keiner hat dort das weiße Privileg oder den Kapitalismus und seine Folgen kritisiert. Es ging ganz zentral um ein Thema und das sollte das Leben einer Frau im Kleid (oder soll ich eher sagen Anzug) eines erfolgreichen, wohlhabenden, weißen Mannes zu beschreiben. Wie sähe es aus? Das war für die Neunzigerjahre neu, wenn auch im Jahre 2018 einseitig und starr. Aber es war besser als nichts. Heute funktioniert die Serie nicht mehr, da hast du vollkommen Recht, doch sie ist ein Zeitzeuge aus einem Jahrzehnt, in dem Amerika ein Vorbild war und naja – die Outfits sind bis heute legendär.

Jowa sagt: Ich nehme alles zurück!

Für mich persönlich ist und bleibt es ein Rätsel. Aber das liegt vermutlich daran, dass die Welt in Sex and the City einfach zu weit weg war von meiner Realität – und sicher auch der von vielen anderen Frauen. Damals, weil die Prototypen an Frauencharakteren, die die Serie bereithielt, für mich alle keine Identifikationsfläche boten und weil ich mit Mode und all diesen stereotypisch weiblichen Interessen nichts anfangen konnte, und heute, weil mir an der Serie einfach die Reflektiertheit fehlt. Aber ich nehme trotzdem alles zurück, denn wenn sich nur eine einzige Frau von Sex and the City bestärkt fühlt, dann hat es seine Daseinsberechtigung! Auch heute noch. Vielleicht ist es auch wirklich etwas viel verlangt, dass eine Serie auch zwanzig Jahre nach Erscheinen noch mit dem Zeitgeist mithalten kann. Und ein interessantes Zeitzeugnis ist Sex and the City allemal – und wenn’s nur darum geht, sich in’s Bewusstsein zu rufen, dass wir tatsächlich ein kleines bisschen weiter gekommen sind, seit die Serie 1998 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.

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2 Antworten zu “Sex and the City: Ist das Empowerment oder kann das weg?”

  1. Cooles Format! Ich mochte auch schon he said she said (hieß das so? :D), das es vor einiger Zeit gab.
    Einzig der letzte Teil in dem Jowa plötzlich komplett einlenkt hat mich etwas amüsiert, weil es auf einmal in eine komplett andere Richtung geht. Aber es ist ja schon wahr: sobald sich eine Frau durch die Serie bestärkt fühlt hat sie irgendwie nach wie vor eine Daseinsberechtigung. Existieren tut sie ja so oder so und wem es nicht gefällt, der schaut sie einfach nicht wieder an (oder regt sich während des Guckens mit großer Freude auf, so wie ich).

  2. Ich guck mir oft gern Sachen an, die sehr weit von mir weg sind. Erweitert den Horizont auch mal. Aus dem Grund bin ich ein großer Verfechter des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens, oder auch von Radio. Von anderen empfohlen. Wie oft habe ich so spät abends Filme entdeckt, auf die ich von allein vielleicht niemals gekommen wäre.

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