Sex aus Höflichkeit: 3 Frauen erzählen ihre Sex-Erfahrung, bei der der Konsens fehlte

19. Oktober 2020 von in

Triggerwarnung: Vergewaltigung 

Sex aus Höflichkeit. Während bei vielen Menschen bei diesem Phänomen alle Alarmglocken rot schlagen, nicken mir andere verständnisvoll zu. Verständnisvoll deshalb, weil sie diese Erfahrung selbst schon mal gemacht haben. Sex aus Höflichkeit. Es klingt so grotesk, dass es fast nicht wahr sein kann. Doch die Realität ist, dass bis heute unglaublich viele Menschen – insbesondere Frauen – regelmäßig die Erfahrung machen. Mich eingeschlossen. Als ich in einer Runde von sechs Frauen am Tisch davon erzählte, dass ich früher ziemlich viel Sex aus Höflichkeit hatte, stimmten mir alle zu. Volle Punktzahl! Ich war überrascht, wie weit verbreitet es doch ist. Und schockiert. Sex aus Höflichkeit, das bedeutet, dass der Konsens fehlt. Die innere Stimme der Betroffenen schreit also nein, während die Äußere ja sagt. Wir von amazed haben eine Umfrage unserer Community gemacht und kamen bei allen Gesprächen, die wir mit unterschiedlichen Frauen geführt haben, zum gleichen Grund. Die Frauen, die Sex über sich ergehen lassen, stellen die Bedürfnisse anderer über die eigenen. Ihnen ist es unangenehmer ihr Gegenüber zu enttäuschen als sich selbst. Die von klein auf antrainierte höfliche Zurückhaltung geht also so weit. So weit, dass man ungewollt Sex hat.

Es wird Zeit, dass darüber gesprochen wird. Damit Betroffene sich nicht mehr missbraucht fühlen, damit sie nicht mehr zu Sex gedrängt werden, damit endlich Konsens entstehen kann. Die klare Einwilligung aller Parteien beim Sex. Innerlich und äußerlich.

Dafür haben wir die persönliche Sex-Erfahrung von drei Frauen aufgeschrieben, bei der Konsens fehlte.

Yannika

Ich war Ende letzten Jahres auf einer Dating-Plattform angemeldet, bei der es natürlich vor allem um Sex und Datings ging. Das ist eine riesige Community mit Foren und intensivem Austausch. Dort hatte ich mich mit einem Mann unterhalten, mit dem ich mich ziemlich gut verstanden habe. Der fragte auch nach einem Treffen, dem ich zusagte. Er wollte dann aber direkt vorbeikommen. Das war mir relativ unangenehm, habe mich aber belabern und überreden lassen und ihn anschließend zu mir nach Hause eingeladen.

Ein paar Stunden später war er auch schon da. Wir haben uns in mein Wohnzimmer gesetzt und uns ganz nett unterhalten, doch ich habe schnell gemerkt, dass er nicht dem Eindruck entspricht, den ich von ihm anfangs hatte. Ich war ziemlich irritiert davon, dass er in echt so anders wirkte. Aber er fand mich ganz offensichtlich ziemlich gut. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings für mich gefühlt schon der Moment vorbei, an dem ich ihm sagen konnte: „Du sorry, es wäre besser, wenn du jetzt gehst.“. Im Nachhinein weiß ich nicht, warum ich mich nicht getraut habe, das einfach zu sagen. Es war mein Reich, meine Komfortzone, mein Zuhause. Aber ich habe ihn nicht nach Hause geschickt, weil ich mich irgendwie schlecht gefühlt habe. Ich dachte mir: Jetzt hat er schon den Weg auf sich genommen, ist hier her gekommen, jetzt haben wir uns schon länger unterhalten, er hat sich bestimmt schon Hoffnungen gemacht. Ich habe seine Bedürfnisse über meine Bedürfnisse gestellt. Seine Gefühle zu enttäuschen war in dem Moment schlimmer für mich, als ehrlich zu sein.

„Ich habe seine Bedürfnisse über meine Bedürfnisse gestellt. Seine Gefühle zu enttäuschen war in dem Moment schlimmer für mich, als ehrlich zu sein. „

Dann hatten wir Sex. Das war auch einfach nicht gut. Er war nicht einfühlsam, war nicht zärtlich, war auf seine eigene Befriedigung bedacht, wurde sogar frech. Er fragte nämlich danach sogar noch, ob ich überhaupt in der Lage wäre, einen Orgasmus zu kriegen. Aus Höflichkeit habe ich das Ganze über mich ergehen lassen. Ich hatte kein Angst vor ihm, ich wollte einfach keine Gefühle verletzen. Keine Ahnung, warum. Danach habe ich ihn rausgeschmissen und bin alleine schlafen gegangen.

Leandra

Ich habe mir sehr vielen Männern aus ‚Höflichkeit‘ geschlafen. Nach meinen letzten Trennungen bin ich auf einige Dates gegangen, wahrscheinlich um mir zu beweisen, dass ich noch begehrt werde. Weil ich nicht unattraktiv bin und eine offene und herzliche Art habe, komme ich ziemlich gut bei Männern an. Daten und Flirten machen mir Spaß.

Aber wenn es dann ernster wird, man sich nach ein paar Gläsern Wein in der Wohnung von einem Typen wiederfindet, oder nach einer Clubnacht gemeinsam im Taxi auf dem Weg zu ihm, weiß ich nie, wie man die Reißleine zieht. Ich weiß schon bevor ich mich ausgezogen habe, dass ich nicht mit ihm schlafen will und tue es dann doch. Weil ich nicht weiß, wie ich sagen kann, dass ich nicht will. Vielleicht weil einer meiner Glaubenssätze ist, dass ich es allen Recht machen muss, nie „nein“ sagen darf und die Wünsche und Bedürfnisse anderer über den meinen stehen. Vielleicht, weil ich denke, dass es meine Schuld ist, dass ich falsche Signale gesendet habe und es jetzt eben durchziehen muss. Vielleicht, weil ich als Kind missbraucht wurde und es für mich gar nicht so ungewohnt ist, mit jemandem intim zu sein, mit dem man es nicht will.

„Ich weiß schon bevor ich mich ausgezogen habe, dass ich nicht mit ihm schlafen will und tue es dann doch. Weil ich nicht weiß, wie ich sagen kann, dass ich nicht will.“

Ich habe Angst vor Ablehnung, aber ich habe auch Angst davor, andere zu verletzen. Ich kann auch beim Sex nie sagen, wenn es mir keinen Spaß macht, täusche Orgasmen vor, damit der Typ fertig wird und tue so, als würde es richtig genießen. Auch wenn es vordergründig komplett einvernehmlicher Sex ist. Ich genieße diesen Höflichkeitssex nie, ich bin enttäuscht und angewidert von mir selbst. Ich schäme mich vor mir selbst, weiß aber, dass es wieder passieren wird. Ich fühle mich irgendwie missbraucht, obwohl der Kerl ja gar nicht wissen kann, dass ich nicht wollte.

 

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Zelda

Ich antworte bei solchen Aufrufen eigentlich nie. Mache hier aber eine Ausnahme, weil ich so eventuell Andere vor dem gleichen Fehler bewahren kann. Ich hatte ein Bumble-Date. Es war mein zweites Online-Date nach langer Zeit. Nachdem mein erstes Bumble-Date so positiv verlief (auch wenn es kein zweites Treffen gab), dachte ich, dass ich mich einfach mal trauen muss.

Also ließ ich mich auf ein weiteres Date mit einer neuen Person ein. Nach einem Spaziergang im Park in der Nähe meiner Wohnung, lud ich meine Verabredung – auf ein wenig Drängen seinerseits – noch auf ein Bier auf meinen Balkon ein. Ich habe schnell gemerkt, dass er sich mehr erhofft aus dem Date und habe deshalb von Anfang an klar gestellt, dass Sex für mich nicht infrage kommt. Er rückte mir dennoch immer näher und ich habe noch zwei weitere Male gesagt, dass ich nicht mit ihm schlafen möchte. Er lies jedoch nicht locker und irgendwann habe ich mich einfach darauf eingelassen.

„Mir ist es immer viel wichtiger, dass sich mein Gegenüber wohl fühlt, als dass ich mich wohl fühle.“

Ich habe mich währenddessen schon nicht besonders wohl gefühlt, aber am nächsten Tag und in den nächsten Wochen habe ich mich richtig angewidert gefühlt, dass ich das zugelassen habe, da ich mich zu keinem Zeitpunkt wohl gefühlt habe. Das schlimme ist, dass ich mir auch heute noch denke, dass es nicht seine Schuld ist. Obwohl er mich gedrängt hat, was falsch war. Ich habe mich letztendlich ohne weitere Widerworte darauf eingelassen. Er wurde nicht gewalttätig oder hat mich zu etwas gezwungen. Er hat wahrscheinlich nicht mal gemerkt, wie unangenehm es mir war. Mir ist es immer viel wichtiger, dass sich mein Gegenüber wohl fühlt, als dass ich mich wohl fühle.

Alle Namen wurden von uns geändert

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4 Antworten zu “Sex aus Höflichkeit: 3 Frauen erzählen ihre Sex-Erfahrung, bei der der Konsens fehlte”

  1. Vielen Dank für diese drei offenen Briefe und dafür, dass Ihr so einen Artikel veröffentlicht habt. Ich selbst habe sehr oft nicht Nein gesagt, weil ich das Gegenüber nicht verletzen wollte und trage nun die Folgen davon. Ich habe fast nie mehr Lust auf Sex und es hat lange gedauert, bis ich in meiner neuen Beziehung vertrauen konnte. Oft denke ich noch in Wut zurück an die verschiedenen Männer, denen mein Wohl letztendlich egal war, deren Wohl ich über meines stellte, weil ich mir nicht mehr Wert gönnte. Dieses ganze Daten hat mich so abgefuckt und hatte überhaupt nicht den gewünschten Effekt, mich „frei auszuleben“. Ich denke, dass wir uns nicht allzu fertig machen sollten, nach tausenden Jahren der Unterdrückung nicht für uns einstehen zu können – wir sind im Lernprozess, die Erkenntnis ist zumindest schon da. Jetzt würde ich es anders machen. Vor allem würde ich nicht mehr online daten.

  2. Ich hatte den Artikel nach dem Lesen schon wieder geschlossen. Jetzt aber wieder geöffnet, um danke dafür zu sagen, dass ihr solche wichtigen Themen ansprecht! Leider konnte auch ich mich mit der Thematik sehr gut identifizieren und es hilft immer wieder darauf aufmerksam gemacht zu werden, damit es beim nächsten Mal vielleicht leichter wird für meine Bedürfnisse einzustehen.

  3. Ich selbst habe gemerkt, dass ich offensichtlich gut im „nein sagen“ bin, als ich den Artikel gelesen habe. Vielmehr schockiert mich aber wirklich, was manche Frauen über sich ergehen lassen um es einem fremden!! Mann recht zu machen. Toll, dass ihr hier solche Themen aufgreift…

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