Sexismus Pur: Edeka, WTF?

8. Mai 2019 von in

Dramatische Musik, Bilder in Schwarz-Weiß und eine Tonspur, gesprochen von einem kleinen Kind: Danke, dass du immer für mich da bist. Du kümmerst dich um mich. Du hast ein Gefühl für den richtigen Moment. Ich kann dir immer alles erzählen. Du hörst mir immer zu. Du bist mein Vorbild und förderst mich, wo du nur kannst. Danke, dass du so schön bist. Dass du so ein Feingefühl hast.

Parallel zu den Dankesreden werden Männer gezeigt, die konträr zu den Aussagen alles vermasseln. Miserable Väter, die ihre Kinder am laufenden Band enttäuschen. Die Dankesrede geht an die Mama. Doch welches Dankeschön hat sie genau bekommen?

Mama, danke, dass du nicht Papa bist.

„Wir sagen Danke.“ heißt der Werbespot zum Muttertag von Edeka, der sich an alle Mütter da draußen richtet, die einem Mutterbild folgen, das einer Zeitreise in die Vergangenheit gleicht. Sind wir noch im Jahr 2019? Ich bin mir nicht sicher, wenn ich den Spot ansehe.

Das Bild der Mutter wird gezeichnet von betont emotionalisierten Werbespots, von unserer Gesellschaft und auch von der Politik, die heteronormativen Familien Vorteile verschafft. Das Mutterbild ist davon geprägt, sich gerne für die eigene Familie und die Kinder aufzugeben. Sich aus dem Rampenlicht zu stellen und mit Fürsorge, Liebe und Wohlwollen die kleinen Racker zu umsorgen und dabei selbstverständlich auch dem Mann den Hof zu machen. Den eigenen Lebensweg der Aufgabe anzupassen, die vermeintlich in jeder Frau steckt und als die wichtigste ihres Daseins stilisiert wird: Mutter zu sein, und dem Vater die Strippen der Eigenständigkeit in die Hand zu drücken. Schließlich ist das doch das einzig Wahre, für den Nachwuchs da zu sein. 

Als wären Frauen prädestiniert dazu, sich selbst zurückzunehmen. Keine eigenen Bedürfnisse mehr an den Tag zu legen, ab dem Zeitpunkt, an dem sie Mütter geworden sind. Der neue Charakter und die neue Aufgabe besteht darin, die Rolle einer Nebendarstellerin des eigenen Lebens zu werden, das der nachfolgenden Generation stolz dabei zusieht, den eigenen Platz einzunehmen. Sich klein zu halten und die Bühne ordentlich und sauber zu halten für andere Darsteller.

Und dabei wird immer und immer wieder das alte Muster bedient: Machtpositionen bleiben in Männerhand, wenn Frauen schmackhaft gemacht wird, ihre Bestimmung sei nur die eine. Wenn Frauen, die in beruflichen Machtpositionen stehen, auf ihre Kinderlosigkeit oder ihren Singlestatus reduziert und nicht ernst genommen werden. Wenn die Frau immer wieder, mal offensichtlicher, mal unterschwelliger, auf ihren Platz zu Hause verwiesen wird. Alles außerhalb von zu Hause regelt der Papa schon, kümmern wir uns einfach um die Kleinen, das können wir ja am besten – denn Papas versagen darin, wie uns auch dieser Werbespot zum 1000. Mal weismachen will.

Im Jahr 2019 müssten wir doch weiter sein, als die sexistischen Stereotypen der sich zurückhaltenden, fürsorglichen Mutter und des miserablen, egoistischen Vaters, der arbeiten geht und zu Hause fehl am Platz ist, zu prägen! Scheinbar sind wir noch weit davon entfernt, uns von unseren Stigmata zu befreien. Statt Männer zu ermutigen, emotional und fürsorglich zu sein und sich genauso in die Vaterrolle zu stürzen, macht sich Edeka über ihre Unfähigkeit lustig. Statt Frauen zu ermutigen, eigenständige Menschen außerhalb ihrer Mutterrolle zu sein, werden sie dazu aufgerufen, sich selbst klein zu halten. Versteht uns nicht falsch: Mutter sein ist schön! Aber hinter der Rolle der Mutter verbirgt sich doch auch noch ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen. Und neben der Mutterrolle gibt es auch die Vaterrolle, oder kurz gesagt: Die Elternrolle, denn für beide Parteien ist das Kinderkriegen eine emotional überwältigende und schöne Angelegenheit. Da hat wohl jemand vergessen, seine Hausaufgaben zu machen. Werbung hat Einfluss, vergessen?

Ob Edeka es eigentlich gut gemeint hat, als er den Werbespot zum Muttertag veröffentlichte? Wahrscheinlich kaum. Ob Edeka lustig sein wollte? Vielleicht. Ob Edeka provozieren wollte? Sicherlich. Dabei war der Supermarkt gerade nur eines: peinlich.

Wir sagen danke. Edeka, danke, dass du nicht in der Politik bist.

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8 Antworten zu “Sexismus Pur: Edeka, WTF?”

  1. Meistens teile ich eure Ansichten, was Sexismus und die Ungleichheit betrifft.

    Hier muss ich sagen, Edeka hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Meine Kindheit war im groben und ganzen exakt so.
    Es heißt nicht, dass es richtig oder falsch ist, es wahr halt so. Viele von der Bibi-Blocksberg-Generation sind in diesem Bild aufgewachsen und hatten hoffentlich eine schöne Kindheit.

    Es muss aber nicht heißen, dass Edeka diesen Spot in 30 Jahren so wiederholt. Aber das haben wir, wir als (Jung)Eltern in der Hand.

    Ich ziehe den Hut vor Edeka. Sie haben es (mal wieder) geschafft im Gespräch zu bleiben und die aktuelle Zielgruppe anzusprechen.
    Die zukünftige möge es anders sehen und evtl. anders erlebt haben.

  2. Ich habe den Werbespot gestern im Kino gesehen und war entsetzt. Zuerst war ich am Anfang des Spots einfach nur genervt, wie unfähig die Männer dargestellt wurden. Dann fand ich ein paar der Ausschnitte ganz witzig (der Ball gegen den Kopf) und dachte, das könnte noch einigermaßen werden. Ich habe fest damit gerechnet, dass sich die Kinderstimme am Schluss beim Vater bedankt. Aber dann bin ich vom Glauben abgefallen, als auf einmal dieses unendlich altmodische Rollenbild von der Mutter als der heiligen perfekten Göttin ausgegraben wurde.
    Was sie im Spot gezeigt haben, waren Männer, die sich einfach menschlich verhalten haben. Das fand ich sympathisch, wenn auch sehr eindimensional in den Verhaltensweisen. Aber warum diese Väter am Schluss so gedisst werden müssen? Warum müssen in 2019 Väter fertig gemacht und Mütter hochgelobt werden?
    Ja, auch meine Mutter war ein besseres, perfekteres Elternteil als mein Vater. Aber nur weil das so WAR, muss es doch nicht jetzt (noch) als Gesamtbild zementiert werden? Mein Vater war auch oft ein toller Vater, ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt, das heute mein Leben bereichert und meine Persönlichkeit ausmacht. Ich bin jetzt 34 und in der Generation, die teilweise selbst Eltern ist. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die im Clip gezeigten Verhaltensweisen den aktuellen Vätern gerecht werden.
    Ich möchte Werbung sehen, die sich am Puls der Zeit orientiert und Gleichberechtigung repräsentiert. Ich möchte, dass Eltern als gleichberechtigte Teams betrachtet werden, egal welches Geschlecht sie haben. Ich habe keine Lust mehr auf die Glorifizierung von Müttern (und dem damit verbunden Druck, den die Gesellschaft ihnen aufbürdet) und keine Lust mehr auf das Klischee der unfähigen Väter. Ich möchte, dass Mütter und Väter als normale Menschen mit Fehlern, aber auch Wissen und Können dargestellt werden. Und ja, ich möchte es auch dann, wenn es (noch) nicht der Realität entspricht. Einfach als Vorbild, als Beispiel, als Hoffnungsgeber.

    lg,
    Sarah

    • Liebe Sarah, danke! Vor allem für den letzten Absatz. Kann ich genau so unterschreiben. Ich will eine Veränderung sehen, Ermutigung, Teamwork und keine eingefahrenen Klischees. Liebste Grüße an dich <3

  3. Der Clip hat mich sehr irritiert. Wie das Verhalten der Männer im Film dargestellt wird, stört mich nicht, da es sich um (wenn auch überspitzt dargestellte) Alltagssituationen handelt. Mich stört an diesem Clip aber sehr, dass Väter so dargestellt werden als ob sie alles falsch und Mütter alles richtig machen würden. Stating the obvious, aber: Eine Mutter ist auch mal müde und schläft, isst ungehemmt Chips, ziept den Kindern beim Kämmen an den Haaren oder Platzt ausversehen ins Zimmer bei einer ungünstigen Situation. Mich stört es sehr, dass hier die Mütter schon fast als heilige dargestellt werden, die ihre Kinder vom Vater beschützen müssen.
    Aber EDK hat ihr Ziel erreicht, man ist im Gespräch..

  4. mh, also ich verstehe deine Bedenken. jedoch möchte ich ganz klar einwerfen, dass das nicht dem heutigen Mutterbild entspricht, was du da anführst. Die Mutter soll sich nicht mehr „nur“ für die Familie aufopfern, sondern die Karriereleiter hochsteigen, einen 50 Stunden Job meistern, eine Size Zero sein, immer perfekt gestylt… ich könnte diese Liste ewig so fortführen. Selbiges gilt für Männer. Dass das alles Dinge sind, die wir uns selber zumuten, um irgendwo mitmischen zu wollen, bestehen zu wollen, brauch ich nicht zu betonen. Zudem muss mal gesagt werden, dass viele Frauen selbst ihre Vorstellung vom Mutterdasein negativ skizzieren und annehmen, dass, sobald sie Mutter sind, ihr Leben aufhört, da sie gezwungen werden, ihre eigene Person aufzugeben. Wer Elternsein richtig sieht, der würde so etwas niemals unterschreiben. Klar, ist es anstrengend, nervenaufreibend, aber man ist halt nicht mehr in der Nehmer-, sondern in der Geberfunktion. Ich finde es langsam nur noch nervtötend, dass vielmehr immer nur auf die „anstrengenden“ Seiten des Elternseins aufmerksam gemacht wird. Die Kinder sind schneller aus dem Haus, als man sich vorstellen kann. Und Familie gründen heißt halt nun mal, dass man sich nicht mehr egozentrisch durch die Welt bewegt, sondern Verantwortung übernehmen muss. Die Krux liegt nicht in dem einen oder anderen imaginären Frauen- oder Männerbild, sondern darin, dass uns suggeriert wird, alles haben zu können, auf nichts mehr verzichten zu müssen/ können. Ich finde eure Artikel zu Sexismus/ Feminismus eher eintönig und muss dazu gestehen, dass ihr, ob ihr nun wollt oder nicht, die Diskrepanz zwischen den konstruierten Geschlechterrollen eher verstärkt, als dass ihr sie überwindet. Von der Frau/ dem Mann zu reden halte ich schlichtweg für falsch und unangebracht. Keine Frau/ kein Mann kann für seinen jeweiligen Gegenüber sprechen.

    • Ich muss sagen, dass ich es ähnlich empfinde. Durch die, fast schon verbissenen, Sichtweisen auf Debatten im Bezug auf Feminismus, Sexismus, Gleichberechtigung, usw., verstärkt sich die Diskrepanz eher, als das Gegenteil zu bewirken. Ich hab selbst eine Tochter und wünsche mir für sie, dass sie ein Leben führen kann, in dem Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Das muss aber nicht heißen, dass es nicht Dinge gibt, die Papa besser macht als Mama oder umgekehrt. Gott sei Dank! Es gibt so viele Väter, die ihre Sache unglaublich gut machen (nicht nur als Papa) und sich jeden Tag mit Mühe und Herzblut reinhängen. Und trotzdem scheitern sie, genauso wie wir Mütter übrigens auch. Und das ist o.k., es gehört dazu. Ich kann mich über den Spot nicht in diesem Maße aufregen, obgleich er natürlich provoziert. Es gibt noch viel zu tun in diesem Bereich, aber ich glaube, dass vieles auch schon in eine richtige Richtung läuft. Ob es besser wird, wenn wir in allem grundsätzlich sofort einen Angriff auf unsere Rechte, unsere Person sehen?! Ich bezweifle das.

      • Liebe Anni, wie so oft gilt auch hier: Wenn du dich und deine Tochter von diesen Strukturen nicht betroffen fühlst, ist das ganz wunderbar. Das heißt aber nicht, dass die Strukturen, die Frauen auf verschiedene Weise hemmen und in bestimmte Rollenbilder drängen, unterschwellig wie offensichtlich, nicht existieren. Sie zu thematisieren und sie sich bewusst zu machen, sorgt dafür, dass wir diese Mechanismen erkennen und für uns selbst lernen zu hinterfragen. Und wenn du das sowieso schon tust, ist das auch ganz wunderbar. Das geht allerdings nicht jedem so!

  5. Gerade bei euch das erste Mal diesen Film gesehen und ich finde ihn ziemlich peinlich. Empfinde ich jetzt doch tatsächlich Fremdscham und ja ich bin auch angeekelt von der Art und Weiße wie Männer hingestellt werden, mich stört noch nicht mal die Rolle der Frau darin sondern die des Mannes. Ich muss oft in meiner Familie argumentieren, dass das Kind nicht nur Mutter braucht, das Väter sehr wohl auch den Großteil der Kindererziehung übernehmen können. Mein Papa (62 Jahre, Generation klassisches Rollenbild) war das genaue Gegenteil der Väter da oben, natürlich, warum sollten die es nicht wuppen. Auch eine sehr komische Überspitzung der Situationen…

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