#slowtravel: Das Rückbesinnen auf das Grundsätzliche

26. Juni 2019 von in

Die Holztreppe knarzt, ich ziehe meinen Kopf ein und stoße mich doch leicht an dem Holzbalken über mir. Anfang des Jahrhunderts waren die Menschen eben doch noch ein Stück kleiner als heute. Der Weg führt mich hinauf, in ein kleines Dachzimmer, holzvertäfelt, zwei Betten, das wars. Nachtisch, Lampe oder Regale sucht man hier vergeblich. Durch das kleine Fenster fällt ein wenig Tageslicht, das Bergpanorama ist kaum zu erkennen. Mein Blick schweift durch den kleinen Raum mit Dachschrägen, eine Steckdose gibt es. Ich atme auf. An der Tür, nicht neben dem Bett, aber immerhin. Auch Smartphones waren beim Bau dieser Holzhütte kein Thema.

Ich lasse meine vollgepackte Tasche auf den Boden fallen. Sie ist zu viel. Das wusste ich schon, als ich sie die beiden kleinen Holztreppen hochschleppte, aber spätestens als sie meine Hälfte des Raumes fast ausfüllt, schäme ich mich. Ich habe viel zu viel eingepackt.

Ein langes Wochenende in den Bergen. Eine Hütte, 11 Erwachsene, ein Kind, hoch oben in den Bergen, nur Natur um einen herum. Kein Supermarkt um die Ecke, nur Bäume und das Zirpen der Grillen. Meine Familie trifft sich hier oben, auf 900 Metern, bei Bad Goisern in Österreich. Wir sind gekommen, aus Salzburg, Wien, Berlin und München.

Schon die Anfahrt ist ein Abenteuer, ganz nach dem Motto #slowtravel steigen wir am Donnerstagvormittag ins Auto. Um die Vignettenpflicht zu umgehen, entscheiden wir uns spontan über Landstraße unser Ziel zu erreichen. Die Fahrt dauert sehr viel länger, ist dafür aber umso spannender. Aber schon Goethe sagte: Das Reiseabenteuer beginnt mit dem Weg dahin. Ein Satz, der heute nur noch selten gilt. Über Felder und Wiesen entdecken wir ein Österreich, das wir so noch nicht kennen, halten im Nirgendwo an einer Tankstelle, an der wir den Besitzer aus seinem Halbschlaf wecken und düsen kurzerhand an den schönsten Seen vorbei. Vier Stunden später erreichen wir unser Ziel: die alte Berghütte oberhalb des Hallstätter Sees.

Die Ruhe und Weite mit Blick auf die Berge umarmt uns in dem Moment, in dem wir ankommen. Auch die Liebe ist spürbar, selten sind wir alle an einem Ort versammelt, die Wärme – nicht nur von der Sonne – tut gut. Bis abends sitzen wir draußen, nach und nach holt sich jeder seinen Hoodie, den er eingepackt hat, gemeinsam wird gekocht und gegessen, gelacht und geredet. Dankbarkeit erfüllt uns.

Das Handy liegt am Anfang noch viel in der Hand. Der Sonnenuntergang, er muss doch fotografiert werden, den Freunden Bescheid gesagt werden, später bleibt es auf der Holzbank liegen, während wir im Rasen über unsere unterschiedlichen Leben reden. Als das erste Sommergewitter über die Berge zieht, geht es in die Stube. Einer heizt den Holzofen an, der andere holt noch eine mitgebrachte Flasche Wein aus der Speisekammer. Wir spielen „Wer bin ich?“, Cards of Humanity und lachen Tränen. So viele, dass wir fast froh sind, dass uns hier oben, weit weg von Menschen und Nachbarn niemand hört.

Lachen, diskutieren, schweigen und genießen – mehr machen wir nicht

Mein Zimmer teile ich mir mit meinem Cousin, ein Mensch, mit dem ich aufgewachsen bin, schon zusammenwohnte und heute viel zu selten sehe. Wir beide schlüpfen jeder unter unsere Decken und reden im Dunkeln wie damals als Kinder noch ein paar Minuten über den Tag. Der Regen prasselt auf das Dach, ein leichtes Lüftchen zieht durch das Fenster, als wir einschlafen und erst im Morgengrauen vom Läuten der Kuhglocken geweckt werden.

Die Tage ziehen an uns so langsam wie selten vorbei. Nach dem Frühstück liegen wir in der Sonne, ein Teil von uns geht wandern, die anderen lesen, spielen oder quasseln. Auch das Dösen und in den Himmel starren gehört dazu. Meine Beautytasche, über die ich bereits am zweiten Tag schmunzle, bleibt unangetastet. No Make Up Days ist das Motto.

Hier hoch oben, in der spartanischen Hütte, besinnen wir uns. Besinnen uns auf das wirklich Wichtige. Auf das Grundsätzliche, was wir wirklich brauchen, und was unnötiger Schnickschnack ist, der zwar schön, aber am Ende in der Gemeinschaft völlig unnötig ist. In solchen Momenten merke ich immer wieder, mit wie wenig ich glücklich bin. Die Gemeinschaft, meine lieben Menschen um mich, ein bisschen Essen, Bücher und Natur reichen aus, um mein Herz zu wärmen.

Ich mag mein Beautyzeug und Modekram, ich bin froh, über Empfang und Podcasts, die ich jederzeit hören kann, aber hin und wieder tut es gut, die Momente ganz im Jetzt zu genießen. Sich auf das Grundsätzliche zurückzubesinnen und minimalistisch zu leben. Das Rauskommen aus dem Alltag, das bewusste Genießen von Zusammenhalt und Gesprächen, pur und ungeschminkt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nächstes Mal packe ich nur die Hälfte ein, wirklich!

Nur einmal bin ich wieder in mein hektisches Ich verfallen. Schnell wollte ich aus dem Zimmer etwas holen, rannte die knarzende Holztreppen hoch und vergaß mich zu ducken. Sekunden später hatte ich eine riesige Beule am Kopf. Und der Holzbalken gefühlt eine Kerbe mehr. Ab sofort bin ich nur noch langsam durch die Hütte geschlichen. Entschleunigung nennt man das.

 

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3 Antworten zu “#slowtravel: Das Rückbesinnen auf das Grundsätzliche”

  1. In unserer Familie machen wir jeweils etwas ähnliches über Ostern. Selten bin ich so entspannt und ausgeglichen, wie nach diesen Wochenenden.

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