Vertrauen nach einer Fehlgeburt: Im Gespräch mit der Expertin Rosa Koppelmann

20. Oktober 2020 von in

Mit jedem Beginn einer Schwangerschaft sind wahnsinnig viele und intensive Gefühle verbunden, und unter all die Freude mischt sich auch oft die Angst, ob alles „gut geht“. Ob man sein Kind irgendwann gesund in den Armen halten wird, oder Dinge passieren werden, an die man gar nicht denken möchte. Und, ob die Schwangerschaft überhaupt bis zum Ende bleiben wird. Schon ohne jemals schwanger gewesen zu sein, trage ich diese Angst in mir. Und in den letzten Jahren fühlte ich bei so mancher Freundin aus tiefstem Herzen mit, die eine Fehlgeburt erleben musste.

Die Trauer und die Wut auf den eigenen Körper sind Gefühle, die sich schwer erklären lassen und die man von außen nur im Ansatz mitempfinden kann. Was bei jeder dieser schmerzlichen Erfahrungen allerdings einen kleine Linderung zu geben scheint, ist neue Hoffnung, und das Wiederfinden von Vertrauen in sich selbst.

Eine Frau, die selbst mehrere Fehlgeburten erlebt hat, möchte genau dieses Vertrauen verbreiten: Rosa Koppelmann hat das Buch „Vertrauen nach Fehlgeburt“ geschrieben und die gleichnamige Plattform ins Leben gerufen. Darin geht sie sehr empathisch, warmherzig, Mut machend und kundig mit dem Thema um. Wir haben Rosa all unsere Fragen zum Thema gestellt, die mir selbst Hoffnung geben, und vielleicht auch für Betroffene ein kleiner Lichtblick sein können.

Liebe Rosa, du hast das Buch und die Plattform „Vertrauen nach Fehlgeburt“ ins Leben gerufen. Was möchtest du damit bewegen?

Nachdem ich selbst zwei Fehlgeburten erlebt habe und erfahren durfte, wie diese Erlebnisse mir dabei geholfen haben in engeren Kontakt mit mir selbst, meinen Bedürfnissen und meinen Gefühlen zu kommen, habe ich es mir zum Ziel gesetzt, Frauen nach einer Fehlgeburt zu empowern. Ihnen also zu helfen, zurück in ihre Kraft, ihre Weiblichkeit und ihr Vertrauen zu finden. Mein großes Ziel ist es, dass jede Frau auf der Welt gestärkt und nicht geschwächt aus einer Fehlgeburt hervorgeht.

Welchen Hintergrund hat das Thema für dich selbst?

Ich selbst habe 2017 und 2018 jeweils eine „Stille Geburt“ erlebt und durfte dadurch so unglaublich viel lernen. Meine erste Fehlgeburt hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen und mein Mann und ich sind in ein tiefes Loch gestürzt. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis wir uns da wieder herausgearbeitet haben – und genau dann kam die zweite. Während man davon ausgehen könnte, dass uns die zweite Fehlgeburt noch mehr zusetzen würde, ist merkwürdigerweise das Gegenteil passiert: wir duften die zweite Fehlgeburt auf die wohl schönstmögliche Art und Weise erleben und es war, wie als wenn wir die erste nochmal aufarbeiten durften. Oder wie man Mann damals meinte „als würde sich ein Kreis schließen“. Nach der zweiten Stillen Geburt habe ich mit über 40 Frauen, Männern und Hebammen über Fehlgeburtserfahrungen, die Rechte der Frau und Familie und die Trauerbewältigung gesprochen. Schnell war klar, dass ich mein Wissen und meine Erfahrungen mit der Welt teilen möchte.

Was ist die Definition einer Fehlgeburt, wie häufig und warum passieren Schwangerschaftsabgänge?

Als Fehlgeburt bezeichnet man den frühzeitigen Verlust einer Schwangerschaft, bzw. ein totgeborenes Kind, dessen Geburtsgewicht unter 500 Gramm liegt. Ab über 500 Gramm spricht man von einer Totgeburt. Die Experten sind sich nicht ganz einig, ob nun 25% oder sogar 50% aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt enden. Dadurch, dass viele Fehlgeburten nie statistisch erfasst werden, kann man das auch nicht genau sagen. Manche Frauen bekommen ihre Periode einfach einige Tage später und etwas stärker als normal und kommen gar nicht auf die Idee, dass hier gerade eine sehr kurze Schwangerschaft zu Ende gegangen ist. Fakt ist: Fehlgeburten sind völlig normal und nichts Ungewöhnliches! Man sagt, dass bis zu 80% aller Fehlgeburten genetischen Ursprungs sind und man nicht nachvollziehen kann, warum sie passiert sind.

Sollte man sich mental schon mit jeglichen Eventualitäten auseinandersetzen, wenn man schwanger wird, oder was rätst du Frauen im Anfangsstadium?

Ich rate Frauen, sich eine Hebamme zu suchen, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind. Wenn man frisch schwanger ist, möchte man sich nicht unbedingt damit auseinandersetzen, was man tun kann, falls die Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet. Hat man aber eine Hebamme an seiner Seite, so ist da eine kompetente Stütze, die mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, wenn die Schwangerschaft frühzeitig enden sollte. Eine Hebamme weiß, welche Möglichkeiten man im Falle einer Fehlgeburt hat, kann z.B. bei einer Stillen Geburt als Hausgeburt zur Seite stehen und auf jeden Fall alle Fragen rund um das Thema beantworten. Und auch wenn die Schwangerschaft nicht in einer Fehlgeburt endet, so ist es unglaublich wertvoll von Anfang an, eine Hebamme an der Seite zu haben, die einen auch schon in der – oft sehr anstrengenden – Frühschwangerschaft begleitet.

Und ja, die Krankenkasse zahlt Hebammen und wir Frauen haben da einen Anspruch und ein Recht drauf! Das dürfen wir auch nutzen!

Ein Schwangerschaftsabgang oder eine Totgeburt sind traumatische Erlebnisse. Was kann in der ersten Zeit helfen, um wieder Halt zu finden?

Ich finde es zunächst einmal unglaublich wichtig, dass man sich erlaubt, zu trauern und nicht wegzuschauen. Außerdem finde ich es ratsam, die eigenen Bedürfnisse klar – aber ohne Vorwurf – zu artikulieren:

„Liebe Familie, es ist zurzeit nicht hilfreich, wenn ihr mich fragt, ob ich denke, dass die Fehlgeburt daher kommt, weil ich viel Stress hatte. Ich bitte euch, mir keine Fragen nach einem möglichen Warum zu stellen und mir stattdessen einfach den Raum zu geben, zu trauern und Abschied zu nehmen.“

So oder so ähnlich, kann das z.B. klingen. Wenn wir uns gesehen fühlen und merken, da sind Menschen um uns, die uns halten, uns Raum und Sicherheit geben, so hilft das ungemein, mit dem Schmerz umzugehen. Außerdem kann auch hier wieder eine Hebamme sehr hilfreich sein. Als Frau hast du Anspruch auf ein Wochenbett und eine Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme. Die Hebamme massiert im Wochenbett den Bauch, damit sich die Gebärmutter gut zurückziehen kann, antwortet auf Fragen, teilt Erfahrungen und ist einfach da. Das kann sehr gut tun, da es das Gefühl verleiht, nicht allein zu sein, gesehen zu werden und wichtig zu sein!

Vertrauen ist für dich ein Schlüsselthema im Umgang mit Fehlgeburten. Welche Rolle spielt das eigene Vertrauen, und wie findet man es wieder?

Das ist eine große Frage und ich versuche mal sie möglichst kurz zu beantworten. Viele Frauen verlieren nach einer Fehlgeburt das Vertrauen in ihren eigenen Körper, der sie ja quasi im Stich gelassen hat, da das Baby darin gestorben ist. Wenn man es andersherum betrachtet, merkt man aber, dass der Körper ein absolutes Wunder ist: Die meisten Fehlgeburten passieren innerhalb der ersten 12 Wochen der Schwangerschaft und hier erkennt der Körper schon so früh, dass das Baby nicht lebensfähig ist und lässt es abgehen –  anstatt es noch Monate im Bauch zu tragen. Das ist meiner Meinung nach faszinierend und genial. Und man merkt, dass alles im Leben eine Frage der Perspektive ist. Wenn man es so sieht, so kann man beginnen in jeder Situation im Leben eine Möglichkeit für Vertrauen zu finden; auch in jedem Schicksalsschlag. Wir dürfen erkennen, dass wir mehr sind, als der Schmerz über den Verlust und uns selbst besser und näher kennenlernen. Wir dürfen erkennen, dass das Leben mehr ist, als ein bestimmter Wunsch oder ein konkreter Plan – und wir dürfen erfahren, dass wir das Leben fließen lassen dürfen. Je mehr wir uns bewusst machen, dass alles immer irgendeinen Sinn hat und wir mit jeder Erfahrung wachsen dürfen, je mehr kommen wir ins Vertrauen

Welche Abschiedsrituale können helfen, die Situation zu durchstehen?

Meiner Meinung nach ist ein Abschiedsritual nicht etwas, was uns hilft, eine Situation durchzustehen, sondern ein Meilenstein auf dem Weg zur Heilung. Während wir nach einer Fehlgeburt in der Trauer und im Schmerz sind, zeigt ein Abschiedsritual, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir Abschied nehmen können.

Abschied nehmen heißt nicht, dass wir vergessen, dass wir ein Baby verloren haben, sondern, dass wir den Schmerz und die Trauer ziehen lassen dürfen und, mit unserem toten Baby stets im Herzen, auch wieder glücklich voranschreiten können.

Ein Ritual hilft diesen Moment der Wendung deutlich zu markieren. Das Verbrennen eines Symbols, das Vergraben von den Überresten des Babys, oder die Gestaltung einer besonderen Kerze sind einige Ideen für Abschiedsrituale. Welches Ritual man selbst vollziehen mag, ist aber tatsächlich viel weniger wichtig, als dass man überhaupt irgendetwas macht, um den Wendepunkt von Trauer zu Zuversicht zu markieren.  

Was sind „selbstbestimmte Fehlgeburten“ für dich?

Immer noch viel zu häufig, wird Frauen nach der Diagnose „Missed Abortion“ jegliche Eigenverantwortung abgenommen. In der Frauenarzt-Praxis gibt es eine Überweisung ins Krankenhaus, dort eine Ausschabung, dann ein paar Tage Krankschreibung und das Thema ist durch. So darf das meiner Meinung nach nicht sein. Wir Frauen dürfen selbstbestimmt dafür einstehen, was wir brauchen und was das Beste für uns ist. Jede Frau ist anders und während für mich die Stille Geburt als Hausgeburt zusammen mit meiner Hebamme das Beste war, ist es für jemand anders, der Besuch im Krankenhaus und die Ausschabung. Beides ist völlig in Ordnung, nur sollten wir uns nicht vorschreiben lassen, was das Beste für uns ist. Wenn wir uns Zeit nehmen, in uns hineinzuhören und zu fühlen, können wir die Entscheidungen treffen, die uns selbst guttun. Auch hier kann wieder eine Hebamme helfen, die Vor-und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten zu erörtern. Wenn wir Verantwortung für unser eigenes Wohlergehen übernehmen, so können wir später auf unsere Erfahrung zurückblicken und sagen „es war damals schmerzhaft und ich war traurig, aber ich habe zu mir gestanden und getan, was das Beste für mich war“. Das macht vieles im Heilungsprozess einfacher. Viele Frauen, die sofort zur Ausschabung geschickt wurden, haben mir im Nachhinein erzählt, dass sie das Gefühl haben, ihnen wurde etwas weggenommen. Um dieses Gefühl zu vermeiden, gilt es, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.

Was rätst du Frauen, die sich selbst Vorwürfe machen, und Wut auf den eigenen Körper bekommen?

Dadurch, dass das Thema Fehlgeburten in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabu-Thema ist, wissen viele Frauen nicht, wie normal eine Fehlgeburt ist. Da finde ich es wichtig, sich das zunächst einmal bewusst zu machen:

Es gibt – in ca. 80% der Fälle – keinen Grund! Es gibt keinen Schuldigen! Was passiert ist, ist normal!

Außerdem hilft es, sich bewusst zu machen, dass man nicht allein ist und mit anderen darüber zu sprechen – mit denen, mit denen es gut tut zu sprechen! Es gibt keinen Grund sich anhören zu lassen, was man möglicherweise falsch gemacht haben könnte. Diese Art von Gesprächen darf man freundlich aber bestimmt umlenken und sich mit den Personen unterhalten, die einem guttun. Oben habe ich schon beschrieben, wie ein Perspektiv-Wechsel hilfreich sein kann, in meinem Buch gibt es dazu auch eine kleine Übung: Jedes Mal, wenn man sich dabei erwischt, sich nach einem negativen Warum zu fragen, muss man sich auch nach einem positiven Warum fragen.

Also: Warum ist mir das passiert? Damit ich endlich Zeit bekomme, genau darüber nachzudenken, wo ich mit meinem Leben hinmöchte! Damit ich in eine tiefe, wunderschöne Auseinandersetzung mit meinem Partner komme! Damit ich erfahren darf, dass ich weiterhin glücklich sein kann, auch wenn ich einen Schicksalsschlag erleide!

Insbesondere in Bezug auf den Körper finde ich die Arbeit mit positiven Affirmationen sehr sinnvoll, aber auch einfach die liebevolle Auseinandersetzung mit dem Körper: ein warmes Bad bei dem man jedem Körperteil Liebe schenkt, Yoga oder eine Meditation mit Bodyscan. Es gibt so viele Antworten auf diese Frage!

Welche Anlaufstellen gibt es, an die man sich nach einer Erfahrung wie dieser wenden kann?

Meiner Meinung nach sind Hebammen und Geburtshäuser die ersten Anlaufstelle. In vielen Städten gibt es außerdem Sternenkinder-Vereine und Trauerbegleiter. Aber auch auf meiner Website findet man Erfahrungsberichte und Tools, die einem zeigen, dass man nicht allein ist. Ich biete außerdem „Theta Healing“ an, um mit meinen Frauen herauszufinden, welche Glaubenssätze unter ihren tiefen Gefühlen der Trauer liegen.

Selbst alle gut gemeinten Nachfragen nach der Schwangerschaft sind nach einem Abgang immer wieder traumatisch. Wie steht man die Situation durch, wenn viele von der Schwangerschaft wussten?

Manchmal ist es tatsächlich leichter, wenn viele von der Schwangerschaft wussten, als wenn niemand davon wusste. Wenn alle davon wussten, so kann man nichts verstecken. Wenn man niemanden von der Schwangerschaft erzählt hat, fällt es viel schwerer zu sagen: „Ich war übrigens schwanger!“ Und viele neigen dann eher dazu, sich einzuigeln oder komplett in die Ablenkung zu gehen, anstatt sich bewusst mit dem erfahrenen Verlust auseinanderzusetzen.

Wenn man über Fehlgeburten redet, wird das, was passiert ist, irgendwann mehr und mehr normal. Ein Teil des Lebens eben. Ein Puzzlestück, wie alle anderen auch.

Wenn wir aber alles in uns hineinfressen kann der Schmerz nicht hinaus und manifestiert sich irgendwo im Körper; Jahre später sitzt er immer noch dort drin und zeigt sich vielleicht über ein physisches Problem oder über eine Depression.

Ist es ratsam, nach einer Fehlgeburt so schnell wie möglich wieder schwanger werden zu wollen?

Auch hier gilt wieder: wir sind alle anders. Es gibt keinen Grund, nicht sofort wieder schwanger zu werden, wenn man das möchte. Aber es ist durchaus ratsam, erstmal die Erfahrungen der Fehlgeburt zu verdauen und zu verarbeiten. Die meisten Frauen, mit denen ich gesprochen habe – und auch ich selbst – sind nach zwei bis sechs Monaten erneut schwanger geworden. Ich persönlich glaube, der Körper weiß, wann der richtige Zeitpunkt ist und sorgt dafür, dass die erneute Schwangerschaft genau dann eintritt, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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