Was niemand über toxische Beziehungen hören möchte

25. Juni 2024 von in

Ich habe damals lange dafür gebraucht und eigentlich dachte ich auch immer, ich sei nicht der ‚Typ‘ dafür, aber letztlich konnte ich sie vor Jahren endlich hinter mir lassen: meine toxische Beziehung, die ein On-Off-Karussell war. Man liest mittlerweile viel darüber und manchmal frage ich mich, ob das Bewusstsein oder die Pathologisierung heutzutage höher ist oder ob einfach weniger Leute zur Therapie gehen als sie es müssten.

Auch frage ich mich, ob jetzt mehr Leute darüber sprechen oder ob es ein Symptom unserer Zeit ist, dass so viele in einer toxischen Beziehung landen. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo in der Mitte. Es ist ein Klischee, aber viele Personen in einem Umfeld haben mit Anfang, Mitte 30 mindestens eine toxische Beziehung in ihrer Liebeshistorie zu verzeichnen. Und wenn es nicht das ist, dann begegnet ihnen zumindest im Dating die ein oder andere Person mit narzisstischen Zügen.* In meinem Fall hatte ich eine Kombination aus beidem und mit einigen Jahren Abstand, fällt mir auf, was gerne auch von mir ausgeblendet wird:

Meist sind beide Seiten schuld daran.

Ja, es gibt einen Part, der sicher aktiv schädlicher ist – und dem dann auch die toxischen Elemente zugeschrieben werden -, aber es gibt auch den Teil, der zulässt, der dem ganzen Raum gibt. Wenn ich die damalige Beziehung reflektiere, fällt mir auf, wie oft ich ihm zugehört habe, obwohl ich wusste, dass es Lügen waren. Ihm aufgehört habe, zu widersprechen, ihn gewähren ließ, obwohl er im Unrecht war. Er kreiselte nur um sich selbst und ich irgendwann mit ihm um ihn. Dinge, die ich gut konnte, wurden kategorisch heruntergemacht. Meine akademischen Abschlüsse waren ein Problem für sein Studienabbrecher-Ego. Was ich hatte, konnte nicht gut sein, obwohl er es auch gerne gehabt hätte. Seine Worthülsen hatten im echten Leben, im Alltag keinen Bestand und wenn er das gemerkt hat, wurde er unausstehlich. Ständig verlegte er den Schauplatz in Diskussionen, weil ihm die Argumente ausgingen.

Warum ich so lange geblieben bin, war mir oft ein Rätsel.

Wir denken oft, dass es nur diese eine Person gibt. Der eine Mensch, der uns wirklich so sieht, wie wir sind. Der uns mit seiner Aufmerksamkeit einlullt. Oft fallen wir auf diese Personen rein, wenn wir selbst nicht in unseren Grundwerten stabil sind und damit anfällig für die Bedürftigkeit der externen Validation. Ein anxious attachment style tut dann noch den Rest dazu. Und ich sage auch nicht, dass das alles leicht ist und dass es mit einem simplen Aufstehen und Grenzen aufzeigen getan ist.

Es stimmt – man wird auf eine gewisse Art zum Opfer und weiß nicht, wie einem geschieht.

Die ‚toxischen‘ Elemente einer Beziehung sind nicht sofort da. Wir übersehen red flags und doch geht keine Sirene los, wir kriechen immer tiefer in einen Kaninchenbau und stellen erst viel später fest, wie dunkel es da unten ist. Ich möchte nichts relativieren, aber gerne darauf verweisen, dass wenn wir in der Beziehung, in der Konstellation bleiben, passiv dazu beitragen, dass der Nährboden weiter gegossen wird. Es ist nicht leicht, aber letztlich greifen Zahnräder ineinander.

Eine toxische Beziehung funktioniert nur, wenn sie sich konstant an etwas nähren kann.

Was leider gar nicht gut runtergeht, ist die Erkenntnis, dass ich mich immer wieder selbst sabotiert habe. Als deutlich wurde, dass die Beziehungsdynamik mir langfristig keinen Gefallen tun würde, bin ich dennoch geblieben und habe versucht, etwas zu fixen, wo es nichts mehr zu reparieren gab.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich denke, dass wenn wir alle besser alleine zurechtkämen, dann würden wir uns weniger in toxische Beziehungen manövrieren und in diesen auch nicht verharren. Wenn wir nicht so viel Angst vor dem Alleinsein hätten, das für mich stark mit Einsamkeit verwoben ist, wie viel schmerzfreier wir durchs Leben gehen könnten, weil wir unsere Grenzen deutlich gesetzt haben.

Wenn das Bewusstsein eintritt, dass wir selbst für alles Verantwortung tragen, kann sich auch unser Blick auf Beziehungen ändern.

Die Geschichte ist nicht komplett damit erzählt, wenn ich sage, dass ich schlecht behandelt wurde. Die Storyline ist erst abgeschlossen, wenn ich sage, dass auch ich mich schlecht behandeln habe lassen. Ich weiß nicht, wann wir kollektiv angefangen haben, uns zu sehr in der Gegenseite zu verlieren. Wann wir aufgehört haben, im Aktiv zu denken.

Nachdem ich verstanden habe, dass ich Eigenverantwortung nicht abstreifen und in leeren Analysen über toxische Beziehungen und Menschen mit narzisstischen Zügen verschwinden lassen kann, ging es mir erst schlechter und letztlich besser – weil ich weiß, dass es mir nicht mehr passieren wird, wenn ich aufhöre, anderen so viel Macht zu geben.

 

*Direkt immer von Narzisst:innen zu sprechen finde ich insofern schwierig, als dass es einfach arg ist, eine Ferndiagnose zu stellen. Zumal Diagnosen oft nur für Ärzt:innen und medizinischen Personal relevant sind. Wenn wir Schubladen aufmachen, dann ein bisschen bewusster. Daher spreche ich lieber von ‚narzisstischen Zügen‘, denn oft kann und ich will ich keinen Narzissmus bescheinigen.

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3 Antworten zu “Was niemand über toxische Beziehungen hören möchte”

  1. Hi Anne, danke für diesen Artikel! Du eröffnest eine Perspektive auf das Thema, die man sonst nicht so oft hört. Liebe Grüße!

    • Liebe Leonie, Danke für dein Feedback und dass du dir die Zeit genommen hast, es hier zu hinterlassen – viele Grüße & alles Liebe für dich :)

  2. Hallo Anne, ein interessanter Artikel! Sicherlich ist es gut, sich mit seinem eigenen Anteil auseinanderzusetzen und für zukünftige Beziehungen daraus zu lernen. Oft gerät man ja leider in jungen Jahren in solch eine Beziehung und die Auseinandersetzung mit den eigenen Treibern, Wünschen und Grenzen kann aus meiner Erfahrung sehr dazu beitragen, später mit einem geeigneten Partner/in eine vertrauens- und liebevolle Beziehung aufzubauen. Oder natürlich auch mit sich selbst gut leben zu können :)
    Man sollte sich nur selbst nie shamen dafür, dass man solch eine Beziehung mal mitgemacht hat. Das wäre mir ganz wichtig. Und insgesamt wünsche ich mir persönlich noch mehr Aufklärung in unserer Gesellschaft darüber, was narzisstische Persönlichkeiten ausmacht bzw. dass es sie überhaupt gibt. Wenn ich mir überlege, welche Filme, Serien und Bücher es heutzutage noch immer gibt, in denen zumindest mal sehr fragwürdige Machtkonstellationen, Spielchen etc. gehyped werden, wundert es mich leider wenig, dass es für viele Menschen so schwierig ist, zu erkennen, wo übergriffiges und/oder manipulatives Verhalten beginnt und wann es Zeit ist, zu gehen. Die Selbstsicherheit, seinem Gefühl zu vertrauen, dass wenn sich eine Beziehung zu einem Menschen ungut anfühlt, sie eben auch nicht das Richtige ist (Gründe erstmal egal), müssen viele auf die harte Tour lernen. Gibt auch leider Menschen, die es nie schaffen, sich aus solchen Verbindungen zu lösen oder erst viel zu spät, weil sie keine anderen engen Verbindungen mehr haben.

    Insofern freue ich mich über jeden Artikel, der sich mit dem Thema beschäftigt:)

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