Driving Home For Christmas? Das große Weihnachts-Dilemma 2020

21. Dezember 2020 von in

Illustration: @nikovanna 

Alle guten Geister werden sich gegen mich verschwören. Das zumindest ist meine Angst, wenn ich es euch beichte. Bitte sagt es keinem weiter, doch ich hasse Weihnachten. Zumindest in diesem Jahr. Weil eigentlich bin ich die erste, die den Glühwein aufwärmt und so exzessiv regelmäßig trinkt, bis er mir aus den Ohren herauskommt. Ich esse schon ab Oktober mit Pfirsichmarmelade gefüllte Schoko-Lebkuchen, backe für mein Leben gerne Vanillekipferl und selbst gegen einen Stollen habe ich nichts einzuwenden. 

Doch spätestens in diesem Jahr der Pandemie kristallisiert sich für mich der Grund immer mehr heraus, weshalb ich Weihnachten dieses Jahr hasse. Denn Weihnachten ist eine Tradition, deren Routinen und Werte nicht verändert und über Bord geworfen werden dürfen. Da kann selbst Corona nichts dagegen tun. Dabei will ich gar nicht den Finger auf andere zeigen. Das muss ich auch gar nicht, denn ich spüre schon bei mir selbst, dass da etwas nicht stimmen kann. 

Weil diese Tradition fühlt sich nur gut an, wenn auch alles gut ist. Sie wird jedoch zum Zwang, wenn sie die äußeren Umstände erschweren, umzusetzen. Wie jetzt, in diesem Jahr, in dem täglich 1000 Menschen in Deutschland an dem Covid-Virus sterben, Krankenhäuser überlastet sind, Intensivstationen voll belegt, in dem die Regierung alle dazu aufruft, doch bitte dieses Jahr daheim zu bleiben, und sich trotzdem viel zu wenige an den Aufruf halten. Auch ich habe damit überraschend große Schwierigkeiten, mich an den Aufruf zu halten. Meine Einstellung zum Heimfahren an Weihnachten verändert sich minütlich. 

Heimfahren an Weihnachten: Ja oder nein?

Seit Tagen kämpfe ich einen inneren Konflikt in mir aus, der sich nicht entscheiden kann, ob eine Zugfahrt entfernt das Weihnachten in München bei meiner Familie im kleinsten Kreis stattfinden soll. Einer Familie, die ich wirklich liebe und die ich immer gerne sehe. Auch außerhalb von Weihnachten. Doch eine vernünftige Stimme in mir flüstert, dass es auch in diesem Jahr kein „wie jedes Jahr“ geben wird. Dieses Jahr werden die Feste und Wiedersehen mit alten Freunden und Freundinnen sowie guten Bekanntschaften, wegfallen. Die Großfamilie wird sich nicht treffen. Die Umarmungen sind rar. Der Kreis bleibt klein. Die Frage, die mir meine vernünftige Stimme gerade stellt ist: Warum willst du wirklich über Weihnachten nach München fahren? 

Ja. Warum will ich denn fahren? Ist es, weil ich meine Familie vermisse? Klar! Natürlich vermisse ich meine Familie. Ich wohne in Berlin, meine Familie in München. Ich habe alle seit langer Zeit nicht mehr gesehen. In diesem Jahr wohl so wenig wie noch nie in meinem Leben. Aber wenn es nur das ist – nur das Vermissen – kann ich das Wiedersehen dann nicht zu einem weitaus unproblematischeren Zeitpunkt nachholen? Zum Beispiel dann, wenn nicht ganz Deutschland quer von links nach rechts und oben nach unten reist, sondern einem stilleren Moment, in dem alle brav daheim sitzen. Muss es wirklich genau dieser eine 24. Dezember sein, an dem ich das große Wiedersehen mit der vermissten Familie plane? Was hält mich davon ab, einfach alleine in Berlin zu bleiben, zu meditieren, Texte zu schreiben, Bücher zu lesen, Spazieren zu gehen, für ein paar wenige Tage zwischen den Jahren. Es ist der magische Weihnachtszwang, der sich Tradition nennt. Und vor dem selbst ich nicht sicher bin. 

Weihnachten alleine?

Ganz unterbewusst und sneaky haben mir all die Weihnachtsfilme, die ich im Dezember sonst so exzessiv konsumiere, eingetrichtert, dass es traurig und armselig ist, alleine an Weihnachten zu sein. Das schlimmste soll es sein, Weihnachten alleine. Das geht doch nicht. Da ist man bei seiner Familie, bei seinen „Liebsten“, wie man es immer sagt, singt fröhlich Weihnachtslieder, trinkt Champagner, trifft die skurrile Tante und den problematischen Onkel, ist dankbar für seine Cousins und Cousinen, sieht schlechtes Fernsehen mit seinen Geschwistern. So sieht es zumindest aus, wenn man sich die Insta Storys von Personen in scheinbar intakten Familien ansieht. 

Ich dachte irgendwie immer, ich wäre frei von dem Zwang und Druck, den einem Weihnachten auferlegt. Eine verhältnismäßig intakte Familie habe ich, sogar so intakt, dass sie mich nicht so unter Druck setzt, wie andere, wenn es um Weihnachten geht. Aber auch ich bin nicht gefeit von dem engen Korsett, in das mich Weihnachten hineingeschnürt hat. Ich komme nicht heraus, so vernünftig meine innere Stimme auch ist und sagt: „Alleine sein an Weihnachten ist überhaupt nicht schlimm. Deine Familie kannst du auch im Januar sehen. Chill verdammt nochmal dein Leben.“

Very Maria und Josef

Normalerweise bin ich wirklich gerne alleine. Normalerweise, denn Weihnachten ist nicht normal. Weihnachten ist eine Ausnahmesituation und fühlt sich an wie das Spiel die Reise nach Jerusalem, bei der die Menschen auf Teufel komm raus Unterschlupf suchen, um bloß nicht alleine zu sein. Very Maria und Josef. Very katholisch. 

Ich hasse nicht jedes Weihnachten. Manchmal, da ist alles gut. Da fügt sich alles, da passt alles. Doch manchmal, da passt eben gar nichts. Und vielleicht ist dieses Jahr 2020 eine Chance für mich und viele andere, mich von inneren Ängsten und Zwängen zu befreien, die ganz offensichtlich da sind. Vielleicht ist 2020 ein Jahr, in dem nichts passt, sich nichts fügt, sondern in dem alle ein großes Risiko auf sich nehmen, wegen einer Tradition, die einen verdammt großen Druck auf die Familien ausübt. Ich mag es, wenn Menschen zusammen kommen und sich der Freundeskreis und die Familie aus aller Welt wiedersehen. Doch wenn diese Zusammenkunft zum Zwang wird und keine Ausnahmen zulässt, verliert sie ihre Magie. 

Wie ich entscheide, steht noch in den Sternen. Vielleicht fahre ich, vielleicht auch nicht. Der Gedankenmarathon hat bisher kein Ende gefunden, doch eine Entscheidung muss ich irgendwann fällen. Doch an eine Regel möchte ich mich halten: Egal wie ich mich entscheide, es ist okay. Denn Weihnachten ist schließlich die Zeit der Vergebung, oder wie war das noch? 

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2 Antworten zu “Driving Home For Christmas? Das große Weihnachts-Dilemma 2020”

  1. Liebe Amelie,
    schade, dass es für so viele ein solches Dilemma zu sein scheint. Um den RKI Chef Lothar Wieler zu zitieren: „Reisen Sie nicht“! Ich wünschte, man müsste nicht mehr dazu sagen.
    Schöne Feiertage dir und dem Journelles Team und keep up the great work!

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