Magischer Oman: Salalah Diary Part II & Video

15. Mai 2018 von in

Wir stehen oben auf dem Felsplateau, unter unseren Füßen große Steinbrocken, über uns die heiße Mittagssonne. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, dabei reicht der Blick kilometerweit. Über die sandige Ebene, von der wir gerade kommen, auf der in der Ferne winzig klein unser Auto steht, sonst nichts. Über das Wasser des Flusses, der dunkelblau im Wadi liegt und in dem wir vor wenigen Minuten die ersten wilden Flamingos unseres Lebens gesehen haben. Über den weißen Sandstrand, der den Fluss plötzlich beschneidet, und über das türkisblaue Meer, dessen Wellen am Strand brechen. Es ist unser zweiter Tag auf Entdeckungstour in diesem uns so unbekannten und so magischen Oman, und schon wieder sind wir völlig sprachlos. Tränen laufen an meinen staubigen Wangen herunter, während ich diesen Anblick nicht fassen kann – und die Tatsache, dass weit und breit kein Tourist zu sehen ist.

Das ist das besonders Verrückte an dieser Gegend um Salalah: Sie ist so ursprünglich und unentdeckt, wie man selten mehr einen Ort erlebt. Auch hier werden in den nächsten Jahren noch mehr Hotels eröffnen, auch hier werden sich irgendwann mehr Entdeckungslustige aus den Hotels herausbewegen und merken, dass die Straßen meist besser als zu Hause, das Benzin günstiger als Trinkwasser und die Landschaft mehr als umwerfend ist.

Wir steigen vom Plateau herunter und springen in die warmen Wellen. Das Meer ist wild im Oman, die Wellen sind hoch, und man muss den richtigen Rhythmus finden. In den Einklang mit den Wellen kommen, unter den großen hindurchtauchen oder darüberspringen, sich nicht von der Brandung mitreißen lassen. Die Sache mit dem Badengehen ist im Hotelpool natürlich um einiges unkomplizierter, hier draußen wird daraus ein Erlebnis, das ich noch Monate später vor meinen geschlossenen Augen spüren werde.

Auf dem Rückweg halten wir an den Souly Eco Lodges, einem kleinen Retreat zwei Kilometer von unserem Hotel entfernt. Hier gibt es Strandhütten direkt am Meer, mit Duschen unter dem Sternenhimmel und aus nichts als Naturmaterialien, es gibt traditionelles Abendessen mit einem arabischen Gitarrenspieler, es gibt Beduinenzelte mit süßem Tee und keinen Alkohol. Die Lodges wurden zusammen mit unserem und zwei anderen Hotels etwas außerhalb von Salalah gebaut, der Komplex Hawana Salalah ist die Anlaufstelle für Touristen hier im Süden.

Eine unserer Leserinnen, die gerade durch den Norden des Omans reist, kommt spontan noch zu uns in den Süden und bucht ein paar Nächte im Fanar Hotel und als krönenden Abschluss eine in den Eco Lodges. Denn dieser Ort ist so magisch, dass man am liebsten nie wieder gehen möchte. Wir werden sofort herzlich aufgenommen, bleiben zum Abendessen und genießen tagsüber die Ruhe am komplett leeren Strand.

Die nächsten Tage fahren wir durch die Berge, die gleich hinter der Küste liegen und sehen den Wolken zu, wie sie über den Abgrund des Jebel Samhan wabern, einem der „Grand Canyons“ des Oman. Ein Abhang, der sich wie das Ende der Welt anfühlt, während man vor lauter Wolken nur den Rand der Klippen sieht. Manchmal lichtet sich alles, und man sieht die Ebene tief unter sich, die sich bis zum Meer erstreckt.

Wir fahren durch den Ort Taqa ins kleine Fischerdorf Mirbat, wo sich mit dem Marriott Hotel eines der ersten Hotels der Gegend befindet. Hier sieht der Strand aus wie auf den Seychellen und man kann fantastisch schnorcheln. Über die palmengesäumte Sultan-Quabus-Straße geht es zu den kleinen Obstständen, wo wir wieder Bananen, Maracujas und Kokosnüsse kaufen, in die ganz einfach ein Strohhalm gesteckt wird. Und dann ist es auch schon bald so weit: Das kleine Highlight, das wir kaum erwarten konnten, beginnt: Heute Nacht werden wir in der Wüste schlafen.

Wir beide haben noch nie zuvor die Wüste gesehen. So nah an der Rub al-Chali, der größten Sandwüste der Erde, die sich über Saudi Arabien, den Jemen, die Emirate und den Oman erstreckt, konnten wir diese Möglichkeit also nicht verstreichen lassen und entschieden uns dazu, eine Wüstentour mit Übernachtung für 140 Euro pro Person zu buchen. Touren mit einer Touristengruppe sind natürlich nicht jedermanns Sache, eine Fahrt in die Wüste ist alleine und mit einem normalen Mietwagen allerdings nicht möglich. Mindestens zwei Offroad-taugliche Autos mit Allradantrieb sind die Mindestvoraussetzung dafür, noch dazu müssen Omanis bei einer Wüstenfahrt dabei sein.

Zusammen mit einem deutschen Pärchen aus unserem Hotel sitzen wir in einem Jeep und überqueren erst das Gebirge, das sich hinter der Küste Salalahs aufbäumt, um dann in der Ebene von Thumrait zu landen. Hier ist alles schon trocken und sandig, so weit das Auge reicht, und wir verstehen ein bisschen mehr, was unser Sitznachbar im Flugzeug mit der „eintönigen Strecke“ vom Norden in den Süden gemeint haben könnte. Ungefähr zwei Stunden geht es an staubtrockener Ebene vorbei, durchbrochen von kleinen Feldern künstlich bewässerter Plantagen, die wie grüne Oasen herausstechen. Ein letztes Mal steigen wir aus, um Luft aus den Reifen zu lassen – in der Wüste braucht man mehr Haftung. Wir halten in Ubar, einer versunkenen Wüstenstadt, die vom amerikanischen Militär entdeckt wurde und über deren Untergang man bis heute nichts weiß.

Ab jetzt fahren wir Offroad, bitte anschnallen, ruft unser Fahrer. Die Jeeps rasen über eine trockene Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckt, und plötzlich liegen sie vor uns: die ersten Sanddünen der Rub al-Chali. Wir fahren in die Sandberge hinein und ich verliere sofort die Orientierung. Genau so erstreckt es sich nun über 680000 Quadratkilometer bis tief nach Saudi Arabien, wir befinden uns am alleräußersten Zipfel, in der Mitte der Wüste war wohl noch nie ein Mensch. Aus dem Weltraum sieht die Wüste aus wie der Strand, an dem sich die Brandung zurückzieht und so schöne Muster malt, was aussieht wie Wasser zwischen den Dünen, ist aber nur die Spiegelung des Weltraums in der heißen Luft. „No shoes“, rufen unsere Fahrer, und wir steigen barfuß in den weichen Wüstensand. Er ist schwerer, als ich dachte, und gar nicht staubig. Oben auf den Dünen sehen wir der Sonne beim Untergehen zu.

Anschließend soll es in unser Camp gehen, wo ein traditionelles Abendessen mit Kamelfleisch wartet. Doch es passiert das, was ungefähr jeder unserer Gruppe in der gefühlt einzigen Oman-Doku schon zu Hause gesehen hat: Wir bleiben stecken. Ein Reifen steckt tief im Wüstensand, der schon an der Felge vorbei in den Reifen gesickert ist. „No problem“, rufen unsere Fahrer, und ziehen unseren Jeep mit einem anderen Jeep aus dem tiefen Sand. Bis der Reifen allerdings gewechselt ist, vergeht ungefähr eine Dreiviertel Stunde, in der es erst dämmert, dann stockdunkel um uns herum ist – jetzt hätte ich schon völlig die Orientierung verloren, über uns leuchten die Sterne und ein blutroter Sichelmond aber so hell, dass ich mich mal wieder in eine biblische Welt versetzt fühle, ohne dass ich eigentlich je viel damit anfangen konnte. Im Camp warten Couscous mit Kardamomkapseln, Linsendal, Hähnchen und tatsächlich auch Kamelfleisch auf uns, danach liegen wir auf Teppichen, Kissen und mit Shishas um ein großes Lagerfeuer herum. Als es aus und alles dunkel ist, spannt sich der Sternenhimmel über uns, als wäre ein Feuerwerk stehengeblieben. Wir lassen unser Zelt zum Schlafen offen, weil wir nicht aufhören können, diesen Sternenhimmel anzustarren. Und als ich um halb 5 von Gebetsgesängen aufwache, sieht der Himmel nochmal anders aus: Wie ein glitzerndes Pastellgemälde, durch das sich breit und hell die Milchstraße zieht.

Wie eine blutrote Scheibe geht eine Stunde später die Sonne über den Dünen auf. Wir steigen wieder in die Jeeps, kommen nach der Kühle der Nacht in der Hitze des Vormittags wieder im Hotel an und verbringen unseren letzten Tag in den Wellen des Meeres, mit der Wüstennacht in den Gedanken. Am nächsten Morgen abzureisen fällt mir schwerer, als es je war. Auf dem Weg zum Flughafen trottet wieder eine Kamelherde gemächlich über unsere Straße, und wir hoffen ein bisschen, einfach unseren Flug zu verpassen. Natürlich läuft aber alles glatt an einem der modernsten Flughäfen, die ich kenne, und wir müssen schließlich doch Abschied nehmen – aber nicht für immer, das ist jetzt schon sicher.

– vielen Dank für die Hoteleinladung des Fanar Resorts, den Rest der Reise haben wir privat organisiert und gezahlt –

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