Beate Uhse: Über eine Heldin der Emanzipation

9. Oktober 2016 von in

Als ich zum ersten Mal über die Geschichte von Beate Uhse stolperte, war ich ziemlich baff. Ich blätterte in einem Buch über feministische Kunstströmungen, befand mich wie so oft in meinem Kunststudium zwischen den Zwanziger- und Dreißigerjahren, der Zeit des Umbruchs, der Freigeister und der Lebenskünstler. Und da war auf einmal dieser Name, den ich bislang nur mit Sexshops in der Fußgängerzone in Verbindung gebracht hatte: Beate Uhse, eine Frau, die so wahnsinnig viel mehr war als die Marke in meinem Kopf. Es war einer dieser Momente, in denen ich völlig vergaß, gerade Pflichtlektüre für die Uni zu betreiben, Raum und Zeit ausblendete und die Geschichte dieser fantastischen Frau aufsog.

Beate Uhse, später Beate Rotermund-Uhse, eröffnete nämlich nicht nur den ersten Sexshop der Welt, sondern war als Pilotin, Aufklärerin und Querdenkerin eine emanzipierte Feministin, bevor es diese Begriffe überhaupt gab. Und ganz nebenbei legte sie als ostpreußischer Flüchtling die spektakulärste Flucht hin, die man sich überhaupt vorstellen kann. Aber alles nach der Reihe.

In ziemlich ungewöhnlichen Verhältnissen wurde Beate 1919 in Ostpreußen geboren: Ihre Mutter eine der ersten drei Ärztinnen in Deutschland, ihr Vater Landwirt, der ihr schon von Klein auf beibrachte: „Man kann alles werden, was man sich wünscht – auch als Mädchen. Vielleicht muss man dafür in ein anderes Land, vielleicht ist der Weg nicht leicht. Aber wenn die Russen gerade ihren ersten weiblichen Kapitän eingestellt haben, dann wird auch dein Wunsch in Erfüllung gehen: Pilotin zu werden.“ Und Beate wurde Pilotin – als eine der allerersten Berufsfliegerinnen überhaupt verdiente sie ab 1937 als Einfliegerin neuer Flugzeuge und als einzige weibliche Kunstfliegerin ihr Geld.

„Wir schwebten. Ich hätte schreien können vor Glück. Ich fühlte ein wonniges Schauern. Ich ahnte, was die alten Flieger meinten, wenn sie von der Freiheit da oben am Himmel schwärmten, von der grenzenlosen Größe und der Weite und dem Gefühl, ‚on top of the world‘ zu sein.“ Beate Uhse nach ihrer ersten Flugstunde

fliegerin

Sie war verliebt in das Fliegen und die Freiheit, und schon bald in jemanden, der das Fliegen genauso liebte wie sie: Hans Jürgen Uhse, den sie bei Kriegseinbruch heiratete und mit dem sie einen Sohn bekam. Trotzdem flog sie auch während des Krieges weiterhin, jetzt Militärmaschinen, aber „ich habe nie einen Schuss abgegeben. […] es ist besser, man ist klug und entzieht sich“. Am Abend des 30. Mai 1944 telefoniert sie noch mit ihrem Mann, der wenige Minuten darauf bei einem Einsatz ums Leben kam. Beate war mit 24 Witwe und im von Russland bedrohten Ostpreußen – und packte kurzerhand ihr Kind und das Kindermädchen, stieg mit beiden in eine der letzten vorhandenen Maschinen und flog auf eigene Faust nach Nordfriesland, wo sie nach zwei Monaten Kriegsgefangenschaft von den Briten als Flüchtling in den Ort Braderup entlassen wurde.

26000 Mark hatte sie sich mit ihrem Mann zusammengespart, auf nichts davon konnte sie in der britischen Besatzungszone mehr zugreifen. Sie hatte nichts als ihren starken Willen und ihre Intelligenz – und baute sich auf die zu dieser Zeit absurdeste Weise überhaupt ihr neues Kapital auf: Nach Kriegsende kamen immer mehr Soldaten zu ihren Familien zurück, und in der allgemeinen Euphorie des Wiedersehens wurden die Frauen reihenweise schwanger – zu dem finanziell wohl ungünstigsten Zeitpunkt der Stunde Null. Niemand wusste auch nur das Kleinste über das Thema Verhütung – nur Beate Uhse hatte von ihrer Mutter, einer der ersten drei deutschen Ärztinnen, mal etwas von der Knaus-Ogino-Methode gehört: Einer Beobachtung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Frau. Sie erinnerte sich, forschte in der Bibliothek nach und entwickelte eine sechsseitige Schrift, dessen Druck sie mit „nicht ganz illegal“ besorgter Butter bezahlte. Zuerst verteilte sie die „Schrift X“ kostenlos an alle Frauen in der Gegend, später bot sie sie für zwei Reichsmark an. Und verkaufte im ersten Jahr vor der Währungsreform ganze 32000 Schriften. Und als immer mehr Frauen die Schrift X haben wollten und auch nach der Währungsreform dankbar den Preis von einer DM zahlten, begann Beate Uhse, weiter zu denken.

„Liebe Frau Uhse, vor dem Krieg gab es doch Präservative und da gab es Lehrbücher über Liebe- und Eheleben. Können Sie so etwas nicht besorgen?“

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1947 konnte Beate Uhse von ihrer Schrift X auf bescheidene Weise auf Sylt leben, als sie ihren künftigen Ehemann Ernst-Walter – oder auch Ewe genannt – kennenlernte. In seiner Kriegsgefangenschaft hatte er nur eine Phantasie: Einen Versandhandel aufzubauen, sollte er irgendwann wieder freigelassen werden. Bis dahin dachte er sich alles en detail aus – und traf mit Beate Uhse den fehlenden Faktor seiner Idee. Was entstand, war das „Versandhaus Beate Uhse“, das 1949 schon einen mehrseitigen Prospekt mit Büchern über Aufklärung, Sex, Kondome und Salben anbot – alles nur angedeutet und alles selbstverständlich nur im Rahmen von ehelichem Geschlechtsverkehr. Aber auch so: Beate Uhses Versandhandel war ein absolutes Novum und so wahnsinnig gefragt, dass sie Anfang der Fünfzigerjahre schon 14 Mitarbeiter hatte und 1956 im Jahresumsatz die Millionengrenze knackte – zehn Jahre nach ihrem ersten Verkauf der Schrift X.

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In einem Marketing-Seminar in den USA wurde ihr Ende der Fünfzigerjahre ans Herz gelegt, einen Laden zu eröffnen – die perfekte Ergänzung zum Versandgeschäft. Und so eröffnete sie nach erstem Zögern den ersten Sexshop der Welt, genannt „Fachgeschäft für Ehehygiene“ am 23.12.1962, einen Tag vor Weihnachten, „wo die Menschen von Natur aus friedlich sind“, damit niemand aus Empörung die Scheiben einschlug. Doch auch nach Weihnachten blieben die Scheiben ganz, und die Kundschaft traute sich langsam auch in den weniger anonymen Laden. In Apothekenambiente wurden Ratgeber, Kondome, Bildbände, Salben und Potenzmittel verkauft – alle nummeriert, sodass an der Kasse nur eine Nummer abgegeben und eine blickdichte Tüte entgegengenommen werden musste.

Aus dem ersten Fachgeschäft für Ehehygiene ist heute eine allgegenwärtige Marke geworden, die man aus jeder Fußgängerzone kennt. Läden, an denen man vorbeigeht, denn um Sexshops macht man eben einen Bogen. Dass wir heutzutage überhaupt die Möglichkeit haben, in Sexshops zu gehen oder uns online mit allem einzudecken, worauf wir Lust haben, ist allerdings ein Verdienst der Emanzipation, den wir wertschätzen sollten.. Und den wir mit Beate Uhse einer Wahnsinnsfrau zu verdanken haben, die auch nach ihrem Tod 2001 unseren Weg der Emanzipation prägt.

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70 Jahre ist es dieses Jahr her, dass sie mit der Schrift X den Grundstein für die heutige Marke Beate Uhse legte. Und um dieses Jubiläum zu feiern, haben wir heute einen ganz besonderen Gewinn für euch: die 70th Anniversary Edition Box im Wert von 89,90 Euro, mit der das Jubiläum gefeiert wird. Außerdem gibt es zum Jubiläum auch noch eine eigene Unterwäschekollektion sowie den Vibrator „on top of the world“ – ihr erinnert euch! Was genau euch in der Box erwartet, könnt ihr hier erfahren!

Zum Teilnehmen hinterlasst ihr einfach einen Kommentar unter diesem Artikel. Die Verlosung geht bis Freitag, 14.Oktober, 12 Uhr.
Viel Glück!

– in freundlicher Zusammenarbeit mit Beate Uhse, Bildmaterial: Beate Uhse –

 

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45 Antworten zu “Beate Uhse: Über eine Heldin der Emanzipation”

  1. Ich beginne gerade ebenfalls mehr mit dem Namen Beate Uhse zu verbinden, als ich es bisher getan habe. Sie war eine Wahnsinns-Frau und ich habe ihre Geschichte gerade (wie du damals) förmlich aufgesogen!
    Ein wunderbarer Post, der mich dankbar macht, für all die Feministinnen vor uns:)

    Liebst, Seline
    http://selscloset.com

  2. Dass Beate Uhse eigentlich Pilotin war, habe ich schon mal irgendwo gelesen, aber ihre ganze Geschichte kannte ich noch nicht – und bisher habe ich Beate Uhse auch ehrlich gesagt immer eher im Bereich „Schmuddel-Sexshop“ angesiedelt, der „Imagewandel“ gefällt mir! Lieben Gruß!

  3. Dass Beate Uhse eine Pionierin der Emanzipation ist, wusste ich schon lange; aber dass sie so ein erstaunliches Leben geführt hat, hätte ich niemals gedacht! Ich bin regelrecht begeistert von dieser Frau und deinem Artikel, für solche Texte liebe ich Amazed richtig! Genau deswegen würde ich mich tatsächlich riesig über das Fanpaket freuen! Danke, dass ihr solche tollen Themen ansprecht und Texte postet! Liebe Grüße aus Berlin

  4. So ein schöner Artikel. Der Name Uhse ist oft so negativ und gar nicht emanzipiert konnotiert – von 16 Jungen, die in ihren sauergurken-farbenen Parkas Witze machen oder fourty something Familienväter, die im Vorbeigehen mit Blick aufs Schaufenster etwas Sexistisches zur ihrer Frau sagen. — anyway, da sind richtig hübsche Cuffs drin!

  5. OMG!! „Fachgeschäft für Ehehygiene“ ist echt ein Knüller! Danke für die Geschichte von Beate Uhse, das wusste ich nicht, dass sie so eine interessante, Mutige und tolle Frau war.

  6. Was für eine beeindruckende (und mir bisher unbekannte) Lebensgeschichte und was für eine tolle Frau. Danke dafür!

    Bei dem Gewinnspiel bin ich natürlich gern dabei :)

  7. Eine tolle Frau – zudem aus meiner Heimatstadt. Ich hatte das große Glück und durfte sie mal persönlich kennenlernen, als sie einen Vortrag an meiner Schule gehalten hat – wirklich inspirierend.

  8. Die gute war eine richtig spannende Frau, wenn man sich erst einmal mit ihr befasst! Da können sich auch heute noch viele eine Scheibe von abschneiden und sei es nur der Mut was eigenes auf zu bauen :)

  9. Spannend!
    Und schlimm, dass das Sortiment von Beate-Uhse-Shops mittlerweile zu gefühlten 50% aus frauenverachtenden Pornos und Nur-so-sind-Frauen-heiß-und-sexy-Artikeln besteht und überwiegend „Männerphantasien“ bedient. Das war sicher nicht im Sinne der Gründerin. Das Patriachat hat mal wieder ganze Arbeit geleistet.

  10. Woah, super spannend!
    Liebe Milena – verrätst du außerdem, wie das Buch über feministische Kunstströmungen heißt, in dem du von Beate Uhse gelesen hast? Das interessiert mich sehr!

  11. Was für eine beeindruckende Lebensgeschichte und was für eine tolle Frau.
    Danke für den tollen Artikel!
    Bei dem Gewinnspiel bin ich gerne dabei.
    Liebe Grüße

  12. Ich habe Beate Uhse shops bereits einige Male betreten, war mir aber nie der Geschichte der Gründerin bewusst. Eine wirklich inspirierende Frau.
    Liebe Milena, vielen Dank für die Aufklärung :)
    Mari

  13. Wow, das war sehr interessant mehr über Beate Uhse zu erfahren. Würde mich generel über mehr Biografien in der Richtung freuen, auch von anderen Feministinnen! Vielleicht könntet ihr daraus ja eine Reihe machen? Spannende Frauen der Vergangenheit oder so ;)

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