Der Körper, die Drama Queen: Warum sich nachts alles immer schlimmer anfühlt

15. Oktober 2020 von in

Manchmal passiert es lange nicht. Dann denke ich, es war nur ein böser Spuk, kann mich kaum daran erinnern. Doch plötzlich kommt es wieder, früher oder später, darauf kann ich mich verlassen: Ich schrecke auf, tief in der Nacht, und meine Gedanken fangen an zu kreisen. Es ist meist zwischen 4 und 4:30 Uhr, und so dunkel vor dem Fenster, dass man die Uhrzeit nicht mal mit viel gutem Willen als einen besonders frühen Yoga-Morningroutine-Morgen bezeichnen könnte. Es ist die Zeit, in der ich nur eines will, und zwar wieder einschlafen – und ich weiß genau, dass jede Minute, die verstreicht, mir am nächsten Tag schmerzlich fehlen wird.

Es ist der Teufelskreis, den wir alle kennen: Je länger man wach liegt, desto größer wird die Angst vor dem Schlafverlust. Und unter diese Angst und die inneren Unruhe mischt sich plötzlich noch etwas. Und zwar ein random Thema, das tagsüber zwar schon da, aber verkraftbar war. Und das sich plötzlich aufbläht wie Harry Potters Tante, und den ganzen Raum in unserem Kopf, im dunklen Bett und im ganzen Zimmer einnimmt. Welches Thema das ist, ist eigentlich ganz egal. Denn nachts sind alle Themen plötzlich gleich dramatisch. Die vielen To Dos auf dem Arbeitsschreibtisch sind plötzlich ein Tsunami an Aufgaben, der niemals zu bewältigen sein wird. Die letzte Trennung wird zur sicheren Gewissheit, nun für immer allein zu bleiben. Und der schrumpfende Konto-Saldo am Monatsende zum direkten Weg in die Altersarmut. Nachts um 4 Uhr fühlen wir uns plötzlich wie die größten Versager, die nie etwas im Leben oder gar Berufsleben reißen werden – ist das, was wir tagsüber treiben, überhaupt ein richtiger Job? Und bleibt er uns, oder wie sieht die Zukunft bitteschön aus?

Nachts um 4 jedenfalls so dunkel wie die Nacht vor dem Fenster – bis es Morgen wird, wir doch irgendwann wieder eingeschlafen sind, und mit den ersten Sonnenstrahlen aufwachen.

Allein schon die Helligkeit wirft morgens ein komplett anderes Licht auf die Sorgen der Nacht. Wenn wir dann noch aufstehen und in den Tag starten, verpuffen die nächtlichen Dramen oft komplett im Nichts – oder fühlen sich zumindest sehr viel harmloser an. Das hat natürlich ganz verschiedene Gründe, und auch das Tageslicht löscht richtige Probleme nicht aus. Allerdings hat die Dunkelheit der Nacht tatsächlich mehr Einfluss auf unseren Körper und alles, was in uns vorgeht, als ich bisher wusste – und diese neue Erkenntnis führt dazu, dass ich die dramatischen Nachtgedanken plötzlich irgendwie weniger ernst nehmen kann.

Das passiert tief nachts mit unserem Körper: Zwischen 2 und 4 erreicht der Organismus den biologischen Tiefpunkt. Die Temperatur sinkt, man wird dünnhäutig, müde, leicht reizbar und tendenziell schlechter gelaunt. Zwischen 2 und 4 Uhr wird besonders viel der Hormone Cortisol und Melatonin ausgeschüttet, die für schlechte Laune und eine negative Weltsicht sorgen. Gute-Laune-Botenstoffe sind gleichzeitig rar.

Melatonin wird ausgeschüttet, wenn unsere Haut mit Dunkelheit konfrontiert ist. Das Hormon sorgt zwar dafür, dass wir gut und tief schlafen können – zu viel davon kann allerdings sogar Depressionen auslösen. Gerade im Winter ein typisches Dilemma, weshalb sogar künstliches Sonnenlicht helfen kann, Melatonin abzubauen und sich weniger müde und geknickt zu fühlen.

Wenn wir allerdings mitten in der Nacht aufschrecken, haben wir ganz natürlicherweise einen hohen Melatoninspiegel – und alle Sorgen, die jetzt in unseren Kopf schießen, fühlen sich dadurch an wie riesengroße Dramen.

Selbst in der Traditionellen Chinesischen Medizin wird die Phase zwischen 1 und 3 Uhr nachts als „Leberzeit“ bezeichnet: Die Leber steht für die Themen Trauer und Wut, und ist in dieser Zeit am aktivsten. Auch eine psychoanalytische Sichtweise macht die Nacht-Melancholie zu einem logischen Phänomen: Während wir tausüber von der Ratio getrieben sind, die alles Unterbewusste und unsere Emotionen kontrolliert, lassen wir beim Einschlafen genau diese Vernunft los. Im Schlaf ist nur das Unterbewusstsein aktiv, das Emotionen unkontrolliert in Form von Träumen durch unser Gehirn jagt. Wachen wir körperlich gesehen schlagartig auf, ist der Verstand nicht auch so direkt wieder wach. Wir hängen irgendwo im Halbschlaf bei unseren ungefilterten Emotionen fest, ohne dass der Verstand logisch durchfegen kann. Stehen wir morgens allerdings auf, sind auch verstandesmäßig wieder ganz da, sehen die Nachtprobleme „logisch betrachtet“ wieder ganz anders aus.

Ganz klar: Abschalten lässt sich das Phänomen der nächtlichen Drama-Gedanken wahrscheinlich nie. Seitdem mir ein guter Freund allerdings neulich all diese Faktoren erklärte, ist etwas erstaunliches passiert: Wenn ich mal wieder nachts aufwache und anfange zu grübeln, kann ich meine Gedanken schon währenddessen weniger ernst nehmen. Ich weiß auf einmal sicher, dass alles am nächsten Morgen nur noch halb so wild, oder gar kein Problem mehr sein wird. Und plötzlich kann ich die nächtlichen Kreisegedanken als etwas annehmen, was mir keine Angst mehr macht. Ich weiß, sie werden immer mal wieder kommen. Ich weiß, sie zeigen mir, was für Emotionen in meinem Unterbewusstsein herumschwirren. Aber ich weiß auch, dass mein Körper gerne mal eine Drama Queen ist.

Ein kleiner Lifehack hilft mir zusätzlich, wenn ich trotz allem nicht wieder einschlafen kann: Zwei Tropfen Smart Sleep Drops sind bestimmt vor allem ein Placebo, sie unterbrechen aber meine Gedanken und lassen mich fast immer direkt wieder einschlafen. Ähnlich gut helfen ein paar Tropfen Johanniskraut- oder CBD-Öl. Eine Liste an natürlichen Helfern bei kreisenden Gedanken findet ihr hier – was ist euer Notfalltrick?

 

 

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5 Antworten zu “Der Körper, die Drama Queen: Warum sich nachts alles immer schlimmer anfühlt”

  1. Ich habe irgendwo mal gelesen: Nachts um 3 Uhr sieht die Welt nie gut aus. Und obwohl ich sonst ein eher entspannter, ausgeglichener Mensch bin, habe ich nachts auch öfter mal diese kleine Panik über gefühlt jeden Aspekt meines Lebens – und da kommt dann wirklich kein Aspekt gut weg.
    Sehr spannend, dass sich das wirklich auch wissenschaftlich erklären lässt. Also vielen Dank dafür!
    Mir hilft dann übrigens meist ein Podcast, also einfach jemand anderem zuhören als meinen eigenen Gedanken. Zu Lösungen kommt man nachts nämlich gefühlt sowieso nie, daher halte ich das Karussell am liebsten komplett an.

    • Genau so ist es, man ist so oft selbst überrascht, wo diese Ängste oder Grübeleien plötzlich herkommen – freut mich sehr, dass dir die Erklärung vielleicht auch ein bisschen helfen kann. Und der Podcast-Tipp ist wirklich gut, das hilft mir allgemein beim Einschlafen sehr und ich find die Spotify-Sleeptimer Funktion auch super dafür :)

  2. Wie interessant, das kenne ich so gut! Mir hilft neben Podcasts auch Gilmore Girls im Hintergrund auf dem Handy mit der Funktion „Wiedergabe stoppen“ nach ner gewissen Zeit.

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