Trauern lernen: „Der Tod meines Vaters hat mich aufgeweckt“

5. Dezember 2018 von in

Das Thema Tod fasziniert mich schon immer. Als Jugendliche wollte ich Mordermittlerin oder Pathologin werden. Journalistin ist es letztlich geworden, meine Faszination für diese letzte Facette des Lebens ist geblieben. Angst vor dem Tod hatte ich nie. Der Tod gehört für mich zum Leben dazu, die Trauer um einen wichtigen Menschen hat in meinem Leben immer Raum gefunden. Ich habe wichtige Menschen bis zum letzten Atemzug begleitet und empfand es oft sehr tröstlich, wenn man gemeinsam Abschied nehmen konnte.

Über das Sterben und den Tod wird trotzdem viel zu wenig gesprochen. Auch in meinem Umfeld. Erzähle ich von meinen Begegnungen mit dem Tod, stockt oft der Atem. Themawechsel. Scheint unser Leben doch unendlich, putzmunter, wie wir alle durch die Gegend springen. Sterben tut man ja eh frühstens erst mit 80. Dass dem so nicht immer ist, blenden wir gerne aus. So sehr man das Leben bejahen soll, ohne Angst sich allen Abenteuern stellen soll, ist auch das Wissen über das Ende des Lebens, über Trauer und wie hart es sein kann, jemanden zu verlieren, wichtig.

Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, im Vorfeld, und nicht erst, wenn das Schicksal und der Tod im eigenen Umfeld anklopfen, kann hilfreich sein. Mich freut es, dass Social Media neben Hochglanzbildern auch diese Aspekte des Lebens aufgreift. Trauer, Tod, auch diese Themen finden immer öfter Platz.

Eine, die ganz offen auf Social Media darüber spricht, ist Marina Schüßler. Die 29-Jährige nennt sich Mutmacherin für Trauernde. Aus ihrer eigenen Trauer heraus gründete sie ihren Podcast „Zurück im Leben„, in dem sie über ihre Trauer und den Tod ihres Vaters spricht, aber auch Mut macht, dass der Verlust eines wichtigen Menschens, nicht das Ende des eigenen Glück bedeutet. Heute arbeitet sie als Trauercoach, hat ein Buch geschrieben und uns erzählt, warum Trauer in unserem Leben sehr viel mehr Raum braucht, wie man es schafft, mit der Trauer zu leben und warum das Sprechen über den Tod wichtig ist. 

Wie bist du zu deiner Arbeit als Trauercoach gekommen?

Durch meine eigene Geschichte. Nach dem Tod meines Vaters vor 2,5 Jahren habe ich plötzlich mein ganzes Leben hinterfragt. Ich war so wütend, dass mich niemand in meiner Trauer verstanden hat. Irgendwie gab es wenig Raum für mich, zu trauern. Also habe ich mit meinem Podcast „Zurück im Leben“ angefangen, nach und nach hat sich dann die Idee entwickelt, mit trauernden Menschen zu arbeiten. Ich möchte in der Welt der Trauernden das verändern, was mir gefehlt hat. Dank einer psychologischen Ausbildung bin ich jetzt Trauer-Coach und versuche, den Menschen zu sagen: „Es ist okay so, wie du dich jetzt fühlst.“

War der Podcast auch eine Art Trauerbewältigung für dich?

Auf jeden Fall. Den Podcast habe ich vor allem angefangen, um einen Raum zu haben, um über meine Trauer zu sprechen. Das Umfeld erwartet ja leider oft schnell wieder, dass man funktioniert. Auch dachte ich irgendwann, ich nerve alle mit meiner Geschichte, gleichzeitig musste ich doch darüber reden. Im Podcast hatte ich Platz, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Manchmal bin ich nachts aufgestanden, weil ich nicht schlafen konnte und habe einfach ins Mikro geredet. Das hat mir sicherlich geholfen.

Neben einem Raum über deine Trauer zu sprechen, was hat dir noch gefehlt?

Ein positives Vorbild. Jemand, der ungefähr ist so wie ich, eine junge Frau, die auch ihren Papa verloren hat, deren Leben gerade Kopf steht und deren Wertevorstellungen sich verschoben haben. Ich habe wie verrückt gegoogelt, um irgendjemanden zu finden, der so ist wie ich und mir sagen kann, ich habe das geschafft, also schaffst du das auch.  Aber es gab da niemanden. Deshalb ist es mir heute so wichtig, anderen Menschen zu zeigen, es gibt einen Weg zurück ins Leben.

Wie sah es mit Verständnis aus?

Verständnis fehlt auch oft. Gerade für die Trauer, für das Nichtfunktionieren-können. Ich selbst konnte erstmal nicht mehr arbeiten und bin ein paar Monate zu Hause geblieben. In den Momenten wäre es gut gewesen, wenn da jemand gewesen wäre, der sagt: „Es ist okay, dass du gerade Zeit brauchst.“

Welche Erkenntnisse nimmst du aus der Zeit mit?

Du musst gar nichts. Du musst wirklich nichts. Wir denken: „Ich muss morgens aufstehen und arbeiten.“ Musst du nicht. Du hast dich dazu entschieden, wir alle machen das, weil es die Gesellschaft uns suggeriert. All die Dinge, von denen wir denken, dass wir sie müssen, müssen wir eigentlich gar nicht. Wir müssen theoretisch nicht mal Geld verdienen. Sobald uns das klar ist, können wir freier leben. Klar, unser Umfeld fordert irgendwann, dass wir wieder funktionieren, uns berappeln, aber man muss erstmal in einer solchen Krise gar nichts, außer weiterzuleben.

Außerdem habe ich gelernt, meine Gefühle offen zu zeigen. Gerade in der Öffentlichkeit gab es oft Momente, in denen ich damit gekämpft habe, jetzt bloß nicht zu weinen. Aber das Ankämpfen war so viel anstrengender und kräfteraubender, als den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Also habe ich die Tränen irgendwann laufen lassen. Seine Gefühle zu zeigen, ist absolut in Ordnung, und das macht uns Menschen auch aus.

Haben sich deine Werte verändert?

Ja, ich weiß jetzt, worauf es wirklich im Leben ankommt. Dass es nicht der Abschluss ist, wie viel Geld man verdient oder wie man aussieht, sondern die Beziehungen in unserem Leben. All das, was man nicht messen oder zählen kann. Es zählt, zufrieden zu sein, nicht immer auf der Suche zu sein. Es ist wichtig, dass wir Menschen in unserem Leben haben, denen wir uns öffnen können. Als mein Vater starb, habe ich seine Hand gehalten. Immer wenn ich daran zurückdenke und mich erinnere, wie mein Vater starb, umgeben von seiner Familie, bin ich glücklich. Das ist doch das Beste, was einem passieren kann. Dass da Menschen sind,  die einen so sehr lieben, dass sie dabei sind. Ich will mein Leben so führen, dass da am Ende auch Menschen sind, die für mich da sind und die um mich trauern.

Oft sind solche Krisenzeiten ja auch eine Probe für Freundschaften.
Hat sich dein Umfeld verändert?

Vor allem haben andere Menschen gemerkt, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Schließlich war ich ja jetzt anstrengend. Das tut manchmal weh, aber mir hat hier das Bild vom Leben als Zug geholfen. Manchmal steigen Leute ein, manchmal steigen wieder welche aus. Manche bleiben lange, andere wiederum kürzer.

Wie wichtig ist es deiner Meinung nach über den Tod zu sprechen?

Kürzlich habe ich auf Facebook ein Video gesehen, in der Menschen in einer Schlange anstanden. Am Ende war ein Lichstrahl, der die Menschen in den Himmel zog. Bildlich gesprochen: Wir stehen alle an. Niemand von uns weiß, wann der Tod uns ereilt. Es kann heute sein, in fünf Tagen oder in 50 Jahren. Aber es ist uns nicht bewusst, weil wir nie über den Tod sprechen. Das Leben, unsere begrenzte Zeit, ist ein Geschenk – und der Tod gehört genauso zum Leben dazu wie die Geburt. Nur weil wir nicht darüber sprechen, heißt es nicht, dass es nicht passiert. Es ist wichtig, dass wir auch über den Tod reden.

Das Thema konfrontiert uns Menschen mit der eigenen Endlichkeit. Das blenden wir gern aus.

Absolut. Ich habe früher auch nicht darüber geredet. Der Tod scheint so weit weg. Aber das ist das Fatale. Als mein Vater starb, war ich so sauer, weil ich gar nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Niemand hatte es mir gesagt. Wir lernen so viel Unnötiges im Leben, aber dann stehst du vor so einem Scherbenhaufen und weißt nicht mehr, wie du das jetzt hinbekommen sollst.

 

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Wie hast du die ersten Tage, Wochen überstanden?

Ich habe ganz viel mit meiner Mama gesprochen. Sie war mein erster Ansprechpartner. Aber die ersten Wochen sind auch so krass, man ist wie in einem Tunnel. So richtig erinnern kann ich mich kaum. Ich glaube, ich habe mir ganz viel Zeit für mich gegönnt, ich hab geguckt, dass ich erstmal zu Hause sein kann, hab mich krankschreiben lassen und habe ganz viel geweint. Ich bin viel durch den Wald gerannt, habe geschrien und meine Wut rausgelassen. Runter gebrochen kann ich sagen: Ich habe alle meine Gefühle rausgelassen.

Hat Druck auch eine Rolle gespielt?

Ich habe mir anfangs ganz viel Druck gemacht. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, vor allem meiner Arbeitsstelle gegenüber. Den Druck loszulassen und einfach zu sein, war ein Prozess.

Die Gesellschaft lässt einem nur begrenzt Zeit, zu trauern und „auszufallen“.

Ja, ich wurde nach vier Wochen schon gefragt, was ist mit mir los sei. Was soll mit mir los sein? Ich habe einen wichtigen Menschen verloren. Klar, ich verstehe die Frage, niemand kann diesen Ausnahmezustand verstehen, bis es einem selbst passiert. Trotzdem hat mich das manchmal schon umgehauen. Es ist doch total absurd, weil wir diesen Schmerz ja alle in uns haben. Wir alle verlieren Menschen irgendwann. Aber dadurch, dass wir über den Tod nicht sprechen, entsteht dieser Druck, den eigentlich niemand haben will. Jeder will ausbrechen, kann aber nicht, und so zwingt man sich gegenseitig weiter zu funktionieren.

Du konntest aber einfach nicht mehr funktionieren.

Genau. Das war mein größtes Geschenk. Es ging einfach nichts mehr. Also musste ich mir die Zeit nehmen. Trauer dauert, und da gibt es keinen Zeitpunkt, wann man wieder zurück im Leben sein soll.

So schlimm der Tod für uns alle ist, gibt es auch Gutes in einem solchen Schicksalsschlag?

Ja. Ich spreche heute ganz oft von den Geschenken der Trauer. Auch wenn das für jeden Trauernden vielleicht erst einmal schwierig ist. Die größte Sache, die mir meine Trauer gebracht hat, war das Aufwecken. Ich wurde aufgeweckt, mein Leben zu reflektieren, mir Gedanken zu machen. Ich weiß heute, ich bin der allerwichtigste Mensch in meinem Leben. Egal, wie lieb ich die Menschen um mich herum habe, als allererstes muss ich gucken, dass es mir gut geht. Wenn es mir gut geht, kann ich auch der Welt etwas davon abgeben.

Das stimmt.

Auch das Thema Abgrenzung war ein Geschenk. Ich habe gelernt, Nein sagen zu können. Ich musste irgendwann Nein sagen, weil einfach nichts mehr ging. Plötzlich merkt man: Oh, es passiert nichts schlimmes, wenn man Nein sagt. Die Trauer kann also auch ein gutes Training für das Leben sein.

Spürst du Dankbarkeit heute intensiver?

Auf jeden Fall. Heute sitze ich im Café, strecke mein Gesicht in die Sonne und bin so dankbar dafür. Vorher war Dankbarkeit eher abstrakt für mich.

Und du kannst die Sonne und andere schöne Momente auch wieder genießen?

Ja. Der Tod meines Vaters ist jetzt 2,5 Jahre her. Ich denke, ich habe das Gröbste überstanden.

Trauer verschwindet ja nicht. Sie verändert sich nur.

Genau. Und sie dauert auch in ihrer Intensität oft länger, als das eine Trauerjahr. Man lernt irgendwann, mit der Trauer zu leben.

Hast du noch Angst vor dem Tod?

Nein. Auch das hat sich verändert. Heute weiß ich, mein Papa konnte sterben, also werde ich es auch schaffen. Der Tod meines Vaters war ein ruhiger, friedlicher Moment. Es war irgendwie auch schön, auch wenn es gleichzeitig unfassbar weh getan hat. Ich glaube, das kann man niemandem erklären, der es selber nicht erlebt hat. Aber ich bin mir sicher, alles was danach kommt, wird auch gut.

Photocredit: Marina Schüßler (2), Unsplash (2)

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5 Antworten zu “Trauern lernen: „Der Tod meines Vaters hat mich aufgeweckt“”

  1. Ich habe letztes Jahr meinen Freund durch einen Unfall verloren und kann mich in so vielen Passagen wiederfinden!

    Ich war ein halbes Jahr zuhause und habe erst mal lernen müssen, dass es ok ist und ich diese Zeit brauche. Mein Chef hat mir mehrmals Druck gemacht und mir ein schlechtes Gewissen einreden wollen (ich würde doch meine Kollegen hängen lassen etc.), meine Kollegen hingegen waren sehr verständnisvoll (glücklicherweise!). Doch nach wie vor hängt mir das noch nach, weil mich dieser Druck in meiner Trauer öfter zurückgeworfen hat und ich mir gewünscht hätte, mein Chef hätte anders reagiert. Aber man muss wohl einfach lernen mit sowas umzugehen und ich bin meinen Weg gegangen, der mir gut tut. Das war das Wichtigste.

    Ich habe einen großen Teil meiner Trauer über Instagram verarbeitet und immer mal wieder darüber geschrieben. Dadurch haben sich viele in meinem Umfeld daran gewöhnt, dass man ganz normal mit mir darüber sprechen kann (und sogar sollte). Dennoch passiert es heute immer noch, dass manche mit dem Thema überhaupt nicht klarkommen und einfach nur Stille herrscht, sobald ich etwas dazu sage. Selbst wenn ich von schönen Momenten von früher spreche. Aber zum Glück gibt es auch einige, mit denen ich immer und immer wieder darüber sprechen kann, auch wenn man das Thema schon 100x durchgekaut hat. Das tut verdammt gut!

    Und zu guter Letzt: Die Dankbarkeit, die man fürs Leben empfindet, auch für die kleinsten Momente, ist ebenfalls nach eineinhalb Jahren noch präsent bei mir und das ist was ganz Wunderbares. Dass sich aus so einem so grauenvollen Ereignis doch positive Dinge entwickeln können, das erkennen zu können und anzunehmen..

    • Liebe Vanessa,
      erst einmal: Das tut mir wahnsinnig leid.

      Ich wünschte, wir alle wären untereinander so viel mehr Verständnis voll in Krisenzeiten. Dass man sich aus dem Leben einfach auch mal rausziehen kann, Pause drücken kann und niemand einem Druck macht. Ich bin aber froh, dass du dich rausziehen konntest und den Weg gegangen bist. Das ist so wichtig.

      Alles andere unterschreibe ich genauso. Am wichtigsten sind die Menschen, die das auch zum 100. Mal anhören oder auch einfach beim Thema Tod nicht zurückschrecken.

      Alles alles Liebe an dich <3

  2. Vielen Dank, dass ihr dieses Thema aufgreift. Ich werde mir den Podcast auf jeden Fall anhören. Ich habe meine Mutter im Februar verloren und blicke auf dieses Jahr zurück, das für mich das traurigste und kräftezehrendste überhaupt war. Manchmal würde ich gerne etwas dazu auf Instagram schreiben, aber habe dann Angst, dass ich meine Familie, die vielleicht gerade einen guten Tag hat, wieder drauf stoße. Sollte sie vielleicht einfach mal fragen, ob sie damit ok sind. Denn eigentlich will ich nicht immer nur die guten Seiten des Lebens zeigen. Ich sehe viele Parallelen – andere Dinge sind bei mir anders passiert als bei Marina. Manchmal stehe ich neben mir und wundere mich selbst, was ich gerade wieder für einen Gefühlszustand habe und frage mich, ob das jetzt die Trauer ist, die viele Arbeit, etwas anderes oder alles zusammen. Ich hoffe sehr darauf, dass es weniger kräftezehrender ist, wenn das erste Jahr geschafft ist. Das erste Weihnachten vor der Türe zu haben ist auch noch so ein großer Berg der gefühlt bewältigt werden muss. Alles liebe für alle, die jemanden verloreren haben! *thea

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