Stadt, Land, weggerannt: Wieso manche Differenzen einfach zu groß füreinander sind

19. Mai 2022 von in
Bilder: Unsplash / Unsplash 

„Aber was hat die Landidylle mit dem Scheitern von Beziehungen zu tun?“, fragt sie mich, während wir an einem lauwarmen Tag im Park sitzen. „Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun, oder?“ „Na ja, weißt du“, hole ich aus, „es geht auch nicht per se um die Landidylle, sondern mehr darum, wofür sie metaphorisch steht. Für einen Lebensentwurf, ein Dasein, das von seiner Umwelt geprägt wird. Und dadurch ganz bestimmte Vorstellungen vom Leben verkörpert. Eine andere Art von Kuriosität, die in ihrer eigenen Abgrenzung existiert und sich schwer dazu hinreißen lässt, ihr Biotop zu verlassen. Denn wenn wir ehrlich sind, dann leben wir alle in unseren ganz eigenen Räumen – in der Stadt oder abseits davon. In Umgebungen, die genau das haben, was wir brauchen und uns mit ihren Werten und Vorstellungen prägen. Deshalb kannst du keinen Baum entwurzeln und selbst wenn du es versuchen würdest, wäre es nicht richtig und am Ende ein Kampf, der den Aufwand nicht wert ist.

Ich glaube, wir Menschen sind da ähnlich und müssen Pendants finden, die in ähnlichen Räumen verkehren und mit denen die Schnittmenge der Lebensrealitäten ganz grundsätzlich stimmt. Damit sie die Unterschiedlichkeiten und Differenzen auffängt. Die Natur, das Land oder die Stadt sind dabei nur Mittel zum Zweck, um das Sinnbild zu verdeutlichen.“ Versuche ich die komplizierte Dynamik in meinem Kopf zu erklären, denn seitdem ich mal wieder bei meinen Eltern in der „Kleinstadt“ gestrandet bin, komme ich nicht umhin, mich mit eine an die Wand gefahrenen Dating-Geschichte auseinanderzusetzen. Nach der ich mich am Ende für die Flucht nach vorne entschieden habe, weil der Ort und das Biotop, von dem ich dachte ‚es passt schon‘ eine Fehleinschätzung war. Zuneigung hin oder her, langfristig hätte der Ort einfach nicht meine Vorstellungen vom „Leben“ getroffen.

Die Metaphorik von Stadt- oder Landromantik

Es gibt keine größere Metapher als die des Ortes. Der ein Gefühl einfängt und so viele unterschiedliche Träume ineinander vereint. Fein nuanciert. Das ist New York. Berlin. Die Stadt der Engel. Man fühlt sich dort hingezogen und schon ist klar: Kind, du bist verrückt und das Dorf zu klein. Geh raus in die Welt, und vielleicht kommst du zurück. Aber die Stadt verändert dich. Du verlierst dich und wächst hinein. Und auf einmal scheint das, was du vorher kanntest, so unglaublich eng. Zu begrenzt, um den eigenen Vorstellungen des Lebens gerecht zu werden.

Natürlich ist dieses Gefühl ein Subjektives und was für den einen wie der wahr gewordene Traum erscheint, multipliziert in anderen Unsicherheiten. Denn so romantisch verklärt die Metapher der Stadt auch ist, zeigt sie ziemlich klar, wo die eigenen Grenzen und Differenzen liegen. Und wie wir letztendlich immer dahin zurück fliehen, wo es uns hintreibt. Das war eins der Dinge, die ich im Verlauf der letzten Jahre gelernt habe: Wenn Lebensrealitäten für den anderen zu unvorstellbar sind, dann ist es sinnlos, sich in etwas zu verrennen.

 

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Gegensätze ziehen sich an und stoßen sich dann weg

Aber Gegensätze ziehen sich an, möchtet ihr hier vielleicht entgegnen und mich darauf hinweisen, mich bloß nicht in Pauschalisierungen zu verlieren – denn wissen kann man es ja nie. Und genau das ist der Punkt: Ich sage nicht, dass Unterschiede und Gegensatz ein potenzielles ‚wir‘ revidieren. Sondern, dass Kuriosität allein nicht reicht. Sympathie und Anziehung sind nur ein Faktor in der Gesamtrechnung, die definitiv am Anfang überwiegen, aber im weiteren Verlauf mit so viel mehr gefüttert werden müssen.

„Ich will dich nicht aufhalten“

Wie ein Gespräch, das sich von Oberflächlichkeiten zu immer intimeren Themen entwickelt. Bis man dahin kommt, wo es anfängt, unbequem zu werden. Grenzen klar werden und man hinter die Oberfläche des anderen sehen kann. Was schön sein kann, aber auch dazu führt, dass sich einer oder beide eingestehen müssen, sich in einer Illusion verloren zu haben. Die oft klingt wie: „Ich will dich nicht aufhalten“. Hart trifft, aber am Ende nicht persönlich gemeint ist. Nur eine Tatsache ausspricht, die schon lange auf der Hand lag, aber nur immer wieder beiseite geschoben wurde.

 

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Was in meinem Kopf Sinn ergibt, funktioniert außerhalb nicht automatisch

Und das ist meistens der Moment, wenn der Fluchtinstinkt anschlägt. Weil mich das unbeugsame Gefühl überkam, gescheitert zu sein. Dabei weiß ich jetzt mit räumlichem (und zeitlichem) Abstand betrachtet, dass da ganz andere Kräfte am Werk waren. Die nichts mit dir und mir zu tun hatten. Da war das Leben. Meine Idee der Zukunft. Und deine. Die du hattest oder auch nicht. Aber am Ende hat das wohl kaum eine Rolle gespielt. Die unausgesprochenen Differenzen waren einfach zu groß füreinander.

Was gezählt hat, war, dass keiner beim anderen einen langfristigen Platz am Tisch gehabt hätte. Weil wir uns zu dem Zeitpunkt des Kennenlernens zwar nah waren, aber in Gedanken eigentlich einen anderen Plan für das eigene Leben hatten. Und ja, vielleicht war ich in diesem Punkt ein wenig zu vorschnell. Zu opportunistisch und naiv. Denn während ich nur im Hier und Jetzt gelebt habe, hing das Damoklesschwert wortwörtlich über unseren Köpfen. Und als es zuschlug, konnte ich nicht anders als gehen und in die Zukunft zurückzukehren, die ich mir vom Leben erträumt habe.

Differenzen: Das Gesetz der (Schnitt-)Menge

„Aber vielleicht war es dann einfach nicht das Richtige“, klingt der nächste Einwand in meinen Ohren. Und das mag sein. Aber ich denke auch, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen immer wieder scheitern würde. Und um an dieser Stelle allen weiteren Einwänden einen Riegel vorzuschieben, ergibt es Sinn, die Mathematik als Metapher zu nutzen. Denn in der Mengenlehre ist die Differenz: „Die Menge aller Elemente einer Menge N, die nicht zur Menge M gehören.“ Somit können N und M nie eine Schnittmenge finden und driften im Zweifel so lange nebeneinanderher, bis sich ihr Abstand so weit vergrößert, dass sie sich aus den Augen verlieren.

Emotionale Differenzen bekommen durch die ‚Orts-Frage‘ ein Gesicht

Und ich glaube, dass es fast nichts Schlimmeres gibt, als wenn sich Menschen aus den Augen verlieren, die sich vorher so nahestanden, dass sie sich vorgenommen haben, sich nie von der Seite zu weichen. Aber auch das ist der natürliche Lauf der Dinge. Der in erster Linie auf einer emotionalen Ebene stattfindet, aber durch die räumliche Ebene nun mal am besten visualisiert werden kann. Worauf ich hinaus will, es gibt Grenzen, die sind zu groß, um sie zu überwinden. Egal wie viel Zuneigung, Liebe und Freundschaft man dem anderen gegenüber empfindet.

Sind Differenzen eine Typ- oder Vorstellungsfrage?

Doch am Ende ist Zukunft keine Typ-Frage, denn es geht vielmehr um die Vorstellung von etwas: Vom Leben und dem, was wir uns von ihm erwarten. Und wenn mein Leben da anfängt, wo deins aufhört oder an seine Grenzen stößt, dann reicht besagte Kuriosität und Sympathie füreinander eben nur bis an eine Gabelung – an der sich die Wege trennen. Was uns zurückführt zur Metapher des Ortes, der eine große Schnittmenge von dem enthält, was das eigene Lebenskonzept ausmacht. Den Punkt markiert, an dem etwas determiniert wird.

Manchmal bewusst und dann jedoch sind da diese Grauzonen, in denen man sich einfach dem natürlichen Verlauf der Dinge hingibt. Die eigene Handlungsmacht für unfähig erklärt und es einfach um sich geschehen lässt. Als würde es regnen. Und egal, wie sehr du dir wünschst, es wäre 30 Grad im Schatten, es lässt sich nicht ändern. Und du kannst rausgehen. Mit deiner liebsten Regenjacke und dennoch würde das nicht ausreichen, um der Vorstellung gerecht zu werden. Denn an der lässt sich nicht rütteln – genauso wie an Differenzen.

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2 Antworten zu “Stadt, Land, weggerannt: Wieso manche Differenzen einfach zu groß füreinander sind”

  1. Liebe Fatima,
    selbstverständlich verstehe ich, dass die Stadt-Land-Frage für dich (auch) als Allegorie dient. Und in diesen – für mich – schwarz-weiß-Kategorien findet sich vermutlich wirklich selten eine Schnittmenge und eine Zeitbombe beginnt zu ticken, wenn man doch dem Wunsch der einen Person nachgibt. In meiner Lebensrealität gibt es aktuell aber ein schwarz-grau-Szenario, das mir zeigt, dass Kompromisse möglich sind, wenn man einander zuhört, sich gegenseitig ernst nimmt und Raum gibt, Zeit unabhängig voneinander zu verbringen. Ein Vollzeitjob lässt ohnehin nicht viel freie Zeit, und die kann man dann aber durchaus auch gelegentlich ohne einander an den Orten verbringen, an die es einen zieht.

    • Liebe Britta, ich stimme dir dabei völlig zu, glaube aber, dass es auch nicht ganz einfach ist, bei einigen Entscheidungen über seinen Schatten zu springen. Aber schön zu hören, dass es bei dir so gut funktioniert und du einen Weg gefunden hast, der dich glücklich macht!

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