Was kommt nach dem Dreißigwerden? 8 Frauen erzählen

3. November 2020 von in

Wird man 30, hat man oft das Gefühl, mit einigen Dingen „fertig“ sein zu müssen: Job, Wohnung, Beziehung, Familienplanung, alles soll in geregelten Bahnen laufen. Und die Selbstfindung nach den 20ern auch irgendwie abgeschlosen sein. Doch egal, wie die Lebensumstände aussehen: Mit 30 ist da auch das Gefühl, noch überhaupt nicht fertig zu sein. Vielleicht auch gar nicht fertig und angekommen sein zu wollen, sondern noch ganz schön viele Wege und Möglichkeiten offen zu haben.

Wir haben euch gefragt, was sich nach eurem 30. Geburtstag alles noch so in eurem Leben getan oder verändert hat. Ob es dieses „angekommen sein“ wirklich gibt. Und ob es wirklich so viel mit den Bausteinen Mann, Kind, Haus und Hund zu tun hat, oder vielleicht mehr mit einem selbst und seinem Inneren, wie auch immer die Lebensumstände gerade aussehen mögen.

Was kommt nach dem Dreißigwerden? Hier kommen die Antworten 8 verschiedener Frauen.

Lea, 34

Ich war zu meinem 30. Geburtstag gerade auf Weltreise mit meinem Motorrad, steckte gerade in Indien – und bin von dort nach Amerika geflogen, da eine meiner besten Freundinnen geheiratet hat. Erst haben wir meinen 30. Geburtstag gefeiert, drei Tage später ihre Hochzeit. Und beides war toll, jede von uns hat sich sehr für die andere gefreut, dass sie genau dort angekommen ist wo sie gerade steht – und war stolz und glücklich in der jeweiligen Situation, obwohl sie natürlich komplett verschieden waren.

Wir haben oft diese Vorstellung vom „Leben ab 30“, was natürlich auch an unserer Erziehung und den gesellschaftlichen Normen liegt, die uns unser Leben lang begleiten. Jetzt bin ich 34 – bin nicht verheiratet, habe keine Kinder und auch kein Haus gekauft. Und muss manchmal noch an diesen 30. Geburtstag denken, weil er für mich ein sehr gutes Beispiel ist, wie wir selbst mit uns umgehen sollten: wir dürfen auch mal zurück schauen oder im Augenblick verweilen und stolz auf die Dinge sein, die wir erreicht haben, glücklich an dem Ort sein, an dem wir gerade sind, und stolz auf den Menschen sein, der wir geworden sind – anstatt immer nur nach vorne und vor allem auch auf andere Menschen in unseren Umfeld zu blicken und uns täglich Vorwürfe zu machen, wegen all der Dinge die wir vielleicht (noch) nicht haben.

Bei mir funktioniert das zum Beispiel so: Ich habe seit meinem 30. Geburtstag eine Weltreise beendet, ein Buch geschrieben, mich so richtig selbstständig gemacht, bin durch den Westen Afrikas gereist, habe einen YouTube Channel gestartet, und seit ein paar Jahren einen tollen Partner an meiner Seite. Ja, auch darauf darf man stolz sein, denn kaum eine Beziehung kommt ohne Stolpersteine. Sie ist oft Arbeit und hat zumindest bei mir auch viel damit zu tun, sich mit den eigenen Schwächen und Ängsten auseinander zu setzen, und die nicht auf den Partner zu projizieren. Klingt, als wäre ich total im Leben angekommen? Von wegen! Es gibt natürlich auch immer die Themen, die man vielleicht doch für seine Zukunft sieht, und die vielleicht noch nicht da sind. Aber man lernt eben auch, dass manches Gutes Ding in der Tat ein bisschen Weile haben muss – und dass man das Bild, das man einmal von sich selbst mit 30 hatte vielleicht auch einfach getrost in das Album mit den eigenen eingestaubten Kinderfotos stecken kann – denn man ist diesem Bild einfach entwachsen.

Susanne, 46

Mit 30 hatte ich alles, was man so meint zu brauchen, um „angekommen zu sein“: erfolgreich im Job in der Medienbranche, verheiratet, schwanger mit meinem 2. Kind, wohnte mit meinem damaligen Mann in einer Eigentumswohnung – happy wife, happy life.
Angekommen also, möchte man meinen, und glücklich. Und so hätte es von mir auch aus die nächsten 40 Jahre weitergehen können.
Dann: Trennung mit 33, als die Kleine knapp 3 Jahre alt war. Ohne Job.
Ich dachte: Was bist du jetzt, mit zwei kleinen Kindern, geschieden, Anfang 30? Und wer will dich noch haben? Was soll ich jetzt bloß mit meinem „verkorksten“ Leben machen?
Aus heutiger Sicht, 14 Jahre später, kann ich sagen: Mit 30 ist man noch ein Teenie. Man hat noch alles vor sich. Das Leben hat so viele Überraschungen parat, das kann man sich mit 30 gar nicht vorstellen. Ich habe mir erstmal einen 450-Euro-Job gesucht. Mein (inneres) Leben sortiert, sodass ich ohne Scham sagen konnte: Ich bin getrennt, meine Ehe ist schief gelaufen, ich bin alleinerziehend mit zwei Kleinkindern.
Dann kam mein neuer Partner in mein Leben. Wir sind in eine andere Stadt gezogen, nicht weit weg von der alten, aber so weit, dass ich ganz von vorne anfangen musste mit Freundschaften, Social Life und Job. Zwei Jahre später haben wir noch ein Kind zusammen bekommen, jetzt waren wir also eine richtige Patchworkfamilie.
Was blieb, war eine Unzufriedenheit mit meinem Teilzeitjob, den ich aus praktischen Gründen in der Firma meines Freundes im Marketing mache. Dann habe ich angefangen zu überlegen, was ich wirklich will, die Kinder sind nun größer und ich habe Zeit, wieder mehr zu arbeiten.
Was ich genau möchte, ist gar nicht so leicht herauszufinden. Denn auch mit Mitte 40 fühle ich mich manchmal wie mit Mitte 20 und weiß auch nicht so genau, wo es hingehen soll. Nach einem Jahr Coaching kam dann die Entscheidung: Ich fange nochmal ein Fernstudium an. Inzwischen habe ich das zweite gestartet, bin auf dem Weg mich zur Psychologischen Beraterin und Coachin ausbilden zu lassen.
Tja, jetzt kann man also sagen: Ich bin knapp 50 und fange wieder von vorne an. Und stehe damit ganz und gar nicht alleine da, viele meiner Freundinnen haben mit über 40 nochmal einen neuen Weg gewagt, oft sogar mutiger als mit 30 – als wir alle mit Babies und gesettled zu Hause mit unseren Ehemännern saßen und dachten, wir sind „angekommen“!

Julia, 30

Ich hatte dieses Jahr am 27. August meinen Dreißigsten – und so extrem „lost“ wie in diesem Jahr war ich beruflich noch nie. Ich habe meinen Haupt- und den geliebten Nebenjob wegen Corona verloren und feierte das neue Jahrzehnt mit Arbeitslosigkeit und einer gewissen Hartz-IV-Attitüde. Denn wo ich vorher dachte, dass es karrieretechnisch immer schön bergauf geht, ist das jetzt die Talfahrt – und neben dem Gefühl des Verlustes auch ein kleines Stück befreiend. Denn jetzt kann ich gerade in mich hören und überlegen, was ich eigentlich wirklich will von diesem Ding, das Leben heißt. Und was mich glücklich genug macht, die nächsten 40 Jahre darin zu arbeiten. Bin ich echt Journalistin? Oder würde mich Buchhändlerin glücklicher machen? Das finde ich gerade heraus, und Corona gibt mir quasi gezwungenermaßen Raum dafür. Wie sagt man: Ist der Ruf erst ruiniert, lebst sich’s gänzlich ungeniert.

Maylin, 30

Ich bin vor kurzem 30 geworden und wurde so häufig gefragt, wie ich mich fühle, was sich verändert hat, ob ich nun „angekommen“ sei und einen Plan habe, dass ich nur noch genervt von den ganzen Fragen war. Bis vor einem Jahr dachte ich: Top, bald wirst du 30, hast dein zweites Examen hinter dir, heiratest kurz vor deinem 30. und die Haussuche läuft auch schon. Heute muss oder kann ich sagen: Kurze Zeit später war ich Single, arbeitslos und ohne Dach überm Kopf. Hab ich es mir anders vorgestellt? Absolut! Möchte ich heute tauschen? Auf keinen Fall! Mit 30 fing mein Leben durch de Trennung komplett neu an, wie bei anderen mit 20. Zugleich fühle ich mich innerlich angekommen, weiß was ich möchte und wohin ich will. Und ich glaube, das weiß man mit 30 viel, viel besser als mit Mitte 20, wenn man „seinen Zukunftsplan“ schmieden und am besten bereits festlegen soll.

Die Trennung gab mir die Möglichkeit zu überlegen, was ich möchte und, so esoterisch es jetzt klingen mag, wer ich überhaupt bin. Das hätte ich mit Mitte 20 oder ohne diese Erfahrung vermutlich nie gemacht. So schmerzhaft dieser Weg war und ohne Groll: Mir geht es jetzt besser. Ich habe mittlerweile gelernt, blöde und unpassende Fragen nach Kindern, Hochzeit, Männern und das Älterwerden zu ignorieren, von Vergleichen mit anderen (nach der gesellschaftlichen Vorstellung „erfolgreichen“) Leben Abstand zu nehmen. Und insbesondere mich von den Plänen anderer frei zu machen. Nur weil andere Frauen mit 30 schon zwei Kinder haben, eienn Hauskredit abbezahlen und bereits den x-ten Hochzeitstag feiern, heißt es noch lange nicht, dass es für andere auch und in diesem Zeitfenster gut sein muss.

Eine Sache, die mir unheimlich geholfen hat, war eine längere Reise alleine. Ich habe gemacht, was ich wollte, wonach mir war und gelernt, auch mal alleine zu sein. Mit 20 wäre ich rastlos gewesen und vermutlich jeder Party hinterher gelaufen. Das brauchte ich nun nicht mehr in dem Maße. Dadurch habe ich meinen eigenen Weg und Plan von selbst gefunden.

Hannah, 32

Oh ja, und wie ich Angst vor der großen 30 hatte – im Prinzip ein ganzes Jahr lang. Das Jahr meiner astrologischen Saturn Return mit 29, die Zeit, in der man astrologisch erwachsen wird. Passend zu meinem 30. Geburtstag habe ich dann meine Festanstellung aufgegeben, mir einen alten VW Bus gekauft, ausgebaut und ihn Penny Lane nach dem Film Almost Famous benannt. Und habe erstmal ein Jahr neu definiert, was ich wirklich will und was ICH von meinem Leben erwarte, und nicht irgendwer anders.

Mein 30. Lebensjahr war wie ein ordentliches Rekalibrieren, dafür habe ich intensiv Therapie gemacht, Workshops besucht, mal keine Dates und Alkohol und andere Ablenkungen gehabt. Ich war viel in der Natur, habe meinen Hund Olav aus Portugal adoptiert, habe mit meinem wundervollen Team die erste Ausgabe des Printmagazins Almost, das ursprünglich sogar Almost 30 hieß, rausgebracht, angefangen als Freelance Writer zu arbeiten und Workshops zu ätherischen Ölen zu geben.

Seitdem haben sich einige Dinge verändert, die vor der 30 irgendwie still zu stehen schienen. Mehr und mehr hat sich in meinem Leben manifestiert. Ich fühle mich immer noch nicht, als sei alles klar oder fertig, das wird es auch nie sein, aber mit dem Printmagazin, der Storytelling Agentur, die ich mit meiner Schwester gegründet habe, meinem wundervollen Netzwerk an starken Frauen, spannenden Projekten, meiner Wohnung und Beziehung fühle ich mich sehr wohl und genieße die 30er sehr!

Ich bin schon gespannt auf die nächste Saturn Return mit ca. 60 und was bis dahin noch alles kommt.

Patricia, 30

Ich habe mit 30 meine zweite Ausbildung angefangen, habe meinen ersten Sohn eingeschult und mich 3 Jahre nach der Trennung von meinem Mann endlich scheiden lassen. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass ich mit mir selbst mehr als glücklich bin und noch lange nicht bereit für einen neuen Mann. Puh, ein sehr befreiendes Gefühl“

Anna, 31

Alte Herren, die furchtbar über Frauen schreiben, kann und will ich seitdem ich 30 bin nicht mehr verständnisvoll lesen. Ciao, Michel Houllebecq. Stattdessen lese ich jetzt Margarete Stokowski, Laurie Penny, Carolin Emcke, Katja Lewina, Ngozi Adichie, Liv Strömquist. Nichts super Unbekanntes in der eigenen Bubble, aber eigentlich sollte das statt Walser, Grass und Co. der generelle Literaturkanon sein, an dem kein Mensch vorbeikommt. Und gerade begeistert mich ein Aufklärungsbuch für Erwachsene von Ann-Marlene Henning. Nie wieder unsicherer Teenie oder Twen sein zu müssen, ist gar nicht verkehrt.

Wenn ich noch mal drüber nachdenke, ist das natürlich nicht alles. Danke für die Gelegenheit, das zu reflektieren! Die letzten 1,5 Jahre seit dem 30. haben auch gebracht, dass shitty Jobs akzeptieren, zu denen jedes @agenturboomer-Meme passt, keine Option mehr ist. Eigene Finanzen in Ordnung bringen und Spaß dran haben kam dazu, heiraten können ohne in Rollenbilder und Bindungsangst zu verfallen. An einen Moment in der Sauna erinnere ich mich, in dem ich einfach alle anwesenden Frauenkörper super schön fand und mega berührt davon war. Mit 30 kann man endlich aufhören mit den Vergleichen und stattdessen innen und außen schöne Frauen als diese wertschätzen. Man darf keinen Bock mehr haben, Mädchen genannt zu werden und das auch sagen. Sich Genuss gönnen, Naturkosmetik, Massagen, einfach so für sich selbst. Mit 40 wirds dann vielleicht einfacher auf die Kinderwunschfrage ehrlich zu antworten… Baustellen gibt’s weiterhin!

Krizia, 33

Bei mir kam mit der 30 der Umzug in die erste gemeinsame Wohnung mit meinem Freund, der mittlerweile mein Mann ist. Soweit zu Ereignissen, die wohl in die Kategorie klassische Meilensteine fallen. Dieses Jahr, mit 33, haben wir uns einen Hund angeschafft, quasi Familiengründung im Kleinen. Womit ich so gar nicht rechnete: mit Anfang 30 plötzlich schwer zu erkranken. Hirnblutung. Einfach so. Keine klare Diagnose. Mehrere Monate aus dem Job raus, aus dem Leben, wie es vorher war. Rückkehr alter Panikmuster meiner Angsterkrankung, mit der ich zuvor recht gut zurecht kam. Rückzug und Sportverbot. Nebenwirkungen von Medikamenten. Körperlich gefühlt eher 82 statt 32. Es war hart. Aus meinem Verlobten wurde Pfleger, Psychologe, Fahrer und Allround-Organisator. Unsere Rollen verschoben sich. Er, der Introvertierte, musste so viel raus in die Welt. Ich, die Extrovertierte, wurde still und abhängig. Ich hatte aber großes Glück. Keine Folgeschäden. Ich werde wieder gesund.

Die Zeit der langsamen Genesung ließ mich an allem zweifeln. Ich machte Coachings, las Fachbücher, begann mit Meditation, einer Verhaltenstherapie, Journaling und baute mehr Gemüse und Obst in meine Ernährung ein. Und ich startete endlich wieder mit meiner wahren Leidenschaft, dem Schreiben. Ohne meine Krankheit hätte ich nie so tief gegraben, um mich selbst durch Reflexion auf links zu drehen und so neue Lebensenergie und Perspektiven für die Zukunft zu finden. Für mich fängt das Erwachsenenleben erst jetzt so richtig an. Und zwar damit, mein inneres Kind wertschätzend zu behandeln. Dieser Sinnspruch, dass es nie zu spät sei für eine glückliche Kindheit, ist wahr. Verzeihen und Arbeit mit der eigenen Vergangenheit sind die Schlüssel. Ich brauchte dafür diese Art „Weckruf“. Gesundheit ist jetzt Priorität 1. Mein Wunschzettel für die nächsten drei Jahre sagt: Gesund bleiben, Eigenheim und erstes eigenes Buch veröffentlichen.

Foto: Anna Shvets

 

 

 

 

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