Backpacking: Man wächst mit seinen Aufgaben

15. Januar 2019 von in

„Der Weg ist das Ziel“, sage ich mir regelmäßig auf dem 9-Stunden-Flug nach Peking, auf den 4 Stunden Umsteigezeit und ein weiterer 5-Stunden-Flug nach Bangkok folgen werden. Es ist Thailand-Hauptsaison, ein Tag nach Weihnachten, und weil ich keinen kostbaren Tag später buchen wollte, beschloss ich, mich schon mit dem Flug auf mein neues Mantra einzulassen. Normalerweise hätte ich ohne zu überlegen auf die bequemen 5-5-Stunden über Dubai gesetzt, bei den Weihnachts-Preisen sah die China-Route aber plötzlich auch ganz annehmbar aus. Was sind schon vier Stunden länger, hatte ich mir gedacht. Ich will mich schließlich gerade darauf einlassen, auf das Loslassen von steifen Zielen und das Annehmen des Mittendrinseins. Eine Sache, die ich in der letzten Zeit ganz schön verlernt habe. 

Der Flug ist also die erste Etappe von vielen für die nächsten drei Wochen, von Bangkok aus geht der nächste Flug in den Süden, irgendein Boot, ich weiß noch nicht welches und wie wir es finden werden, auf die erste Insel, die Rucksäcke auf ein Auto, dann auf den Bambushüttenboden, dann wieder auf ein Boot und so weiter. Ich will diese Sache mit dem Backpacking nun endlich ausprobieren, mich selbst herausfordern und meine Grenzen neu stecken, denn eine Sache, die trifft auf mich ganz definitiv zu: Man wächst mit seinen Aufgaben, und so bin ich in den letzten Monaten mit immer mehr Arbeit in einen Strudel aus Effizienz, aber auch Nervosität gelandet. Plötzlich hatte sich viel mehr Planungseifer in meine Gedanken geschlichen, als ich eigentlich wollte, und irgendwann Anfang Dezember steckte ich in permanentem geistigen Durchrattern aller kommenden Aufgaben fest.

Mal drei Wochen ein völlig anderes Leben zu führen, eines, das man nicht planen kann, in dem vielleicht auch völlig unerwartete Dinge passieren, in dem ich gezwungen bin, immer wieder die Kontrolle abzugeben und der Moment das einzige ist, was zählt, weil man gar nicht weiß wie es denn weitergeht: Könnte mich das vielleicht auch allgemein entspannter machen? Mich auch hier an meinen Aufgaben wachsen lassen, und die Alltagsplanungen plötzlich gar nicht mehr so wuchtig und wichtig erscheinen lassen? Einen Versuch ist es wert, schließlich schwingt da bekanntlich bei ungefähr jedem, der mit strahlenden Augen von Backpacking-Trips zurückkehrt, ein bisschen Entspannungs-Erleuchtung mit, von der ich auch gern eine Scheibe nehmen würde.

Eine Woche später liege ich hellwach unter dem dritten Fliegennetz dieser Reise, es ist 3:34 Uhr und ich kann immer noch nicht schlafen. Ein Zyklon wurde angekündigt, die Zeitungen überschlagen sich mit Flucht- und Evakuierungsmeldungen und ich müsste lachen über die Ironie des Schicksals, wenn mir die Wind- und Regenböen vor dem Fenster die Magenschmerzen, die mich schon den ganzen Tag über die Kloschüssel getrieben hatten, nicht noch verstärken würden. Morgen sollte es eigentlich weitergehen, auf eine kleine Insel ganz weit draußen, mit einem kleinen Boot, das ich in meinem Planungseifer natürlich schon gebucht hatte. Doch dann kam erst die obligatorische Thailand-Magenverstimmung, dann der Zyklon. Und ich beschließe irgendwann in dieser Nacht, genau das zu tun, was Backpacking nun doch eigentlich ausmacht: nicht mehr an Plänen festzuhalten, sie einfach über Bord zu werfen, die nächste Insel eben nicht zu sehen und einfach mal abzuwarten. Denn wenn es eine Situation gibt, in der man nichts anderes tun kann, als den Moment anzunehmen, dann ist es die des Wartens auf einen Zyklon.

Die nächsten Tage voller spektakulärer Wolkengebilde, Regenschauer und Sturmböen sind abgesehen von der Medien-Panikmache und der Verunsicherung, die sich dann doch immer mal einschleicht, die entspanntesten Tage seit Langem. Ich fühle mich, wie in einem Zeitloch, alles verschwimmt zwischen Kartenspielen, Kaffeekochen und Strandsturmspaziergängen. Und während der Zyklon immer mehr an Fahrt aufnimmt, näherrückt und dann am Ende doch grade noch so an uns vorbeizieht, und ich in der gesamten Zeit absolut nichts davon in der Hand habe, legt sich in mir irgendwo ein kleiner Schalter um.

Die tausend Traumstrände, die Thailand zu bieten hat, sind mir egal, denn wo ich gerade bin, ist alles gut. Die nächste Überfahrt findet vielleicht statt, vielleicht auch nicht, je nachdem wie ruhig das Meer an diesem Morgen ist, und ich denke tatsächlich erst darüber nach, als es so weit ist. Auf der Fähre warten wir eine Stunde, bis es losgeht, und ich schaue aus dem Fenster, schreibe ein paar Sachen auf und ärgere mich keine Sekunde darüber. Und auf der nächsten Insel kommen wir tatsächlich, wie ganz echte Backpacker, ohne Unterkunft an, ohne dass mich die fehlende Planung stört. Was mich zu Hause vor ein paar Wochen noch völlig aus der Fassung gebracht hätte, fühlt sich jetzt ganz einfach an. Und ganz schön frei.

Die drei Wochen Thailand waren definitiv meine bisher anstrengendste Reise mit den meisten Aufs und Abs. Das Gefühl und die Einstellung, die sich in mir nach und nach entwickelt haben, konnte mir aber noch keine andere Reise geben. Ich fühle mich ein bisschen wie ein gut gestretchter Sportler, der drei Wochen lang so viel gelaufen ist, dass die nächsten Sprints mit links klappen. Stress-gestretcht, sozusagen, und vollgepackt mit den allerschönsten Erinnerungen, die ich mir hätte wünschen können. Vielleicht ist es noch die Reise-Glückseligkeit, vielleicht war ein Drei-Wochen-Urlaub, der mich mal ganz anders an meine Grenzen bringt, wirklich die beste Entscheidung nach so viel Pflichtgefühl.

Nachdem ich am Montagmorgen um 5 Uhr aus dem 9-Stunden-Rückflug von Peking nach München steige, fühle ich mich zwar hundemüde, aber auch so kraftvoll, so gewappnet für alles und so immun gegen Alltagsproblemchen, wie ich mich seit Monaten nicht gefühlt habe. Und so langsam verstehe ich, was diese Backpacker immer meinen, wenn sie an ihre letzten Reisen zurückdenken und ihre Augen dabei anfangen zu glänzen.

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4 Antworten zu “Backpacking: Man wächst mit seinen Aufgaben”

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Der Kontroll-Freak fliegt übermorgen (alleine!) auf die Philippinen und weiß außer dem Hostel für die erste Nacht noch nicht, wie es dann weitergeht. Ich treffe mich mit einer Freundin auf einer Insel – wie ich da hinkomme? Keine Ahnung.
    Heute Nacht bin ich dann mit Herzklopfen aufgewacht und musste mir eingestehen – ich habe Schiss. Zwar bin ich dieses Jahr auch ohne Plan mit meinem Freund durch Kroatien gefahren, aber Asien…

    Dein Artikel macht mir echt Mut. Ich will völlig abschalten und den Moment genießen – und vielleicht als anderer Mensch zurück kommen. Wer weiß?! Erstmal: ankommen.

    • Wie spannend! Ich hatte dieses Herzklopfen und diese Angst davor auch, und währenddessen auch immer wieder. Gleichzeitig habe ich aber auch noch nie so abschalten können, weil die Gedanken an zu Hause oder irgendwelche Pflichten einfach gar keinen Platz mehr haben, wenn man den nächsten Transfer vor sich hat oder eine Unterkunft finden muss. Ich wünsche dir eine wunderbare Reise, und selbst wenn etwas nicht nach Plan läuft, einfach durchatmen und den Moment annehmen. Ich bin gespannt, wie es dir nach der Reise gehen wird :)

  2. Schön. Ich kenne dieses Gefühl noch. 3Wochen Thailand war auch meine erste Backpackerreise und ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern. Ich war so aufgeregt das ich 3 Monate vorher schon mal probegepackt habe. Aus Angst vor den damaligen Unruhen und Demonstrationen kannte ich mich mit Thailand bald politisch besser aus als in meinem eigenen Land und mein 70 Liter Rucksack war vollgepackt bis oben hin. Jeder Verwandte von mir hatte neue Horrorstorys zu verkünden, von ausgeraubten Touristen bis hin zu verschwundenen Flugzeugen. Und ja es war ein Abenteuer. Mittlerweile bin ich seit 13 Monaten in Asien unterwegs und sehe alles sehr viel gelassener. In meinen 35Liter Backpack passt bequem alles hinein was ich brauche, inklusive Zelt, Schlafsack und Kochausrüstung. Ich habe jeden Luxusstil mitgemacht vom schlafen in Parks, 1000km Fahrradfahren, Volunteering bis hin zu drei Sterne Hotels in Japan. Wenn man so lange unterwegs ist hat das sorgenfreie planungsfreie Backpackerleben wie du es so schön nennst sehr viele Haken. Ganz im Gegenteil hat das wirkliche Backpackerleben sehr viel mit Planung und Abwägungen zu tun. Aber genau daran wächst man. Nur bitte verwechselt Kurzzeitreisen nicht mit Langzeitreisen. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass wir den ganzen Tag mit einem Cocktail am Strand liegen. Stattdessen bedeutet Langzeitreisen Arbeit. Wie lange darf ich in diesem Land bleiben, wo kann ich arbeiten um mir Geld zu verdienen, wie komme ich an eine längerfristige günstige Unterkunft,wo sind Naturkatastrophen, Regenzeiten, Taifunsaison etc. Darf ich in diesem Park Zelten ohne dass die Polizei mich ins Gefängnis steckt? Nebenbei werden Sprachen gelernt, weil in vielen asiatischen Ländern immernoch sehr wenige Menschen englisch sprechen. Es ist spannend aber anders als eine 3 wöchige Reise nach Thailand.

    • Wie spannend! Bist du erstmal ohne geplantes Rückflugdatum unterwegs? Ich habe mir auf der Reise auch Gedanken über die Definition von Backpacking gemacht, alle, denen ich die Frage gestellt habe, sagten, für sie ist es das Ungeplante. Für mich ist es das aber gar nicht direkt, sondern mehr ein anderer Begriff des Reisens als „eine Woche Urlaub in Hotel xy“. Vielleicht ist es für mich eher mit so wenig Gepäck und Geld wie möglich eine längere Zeit woanders zu verbringen, und dabei ein neues Gefühl für Zeit und Freiheit zu bekommen!

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