Über Kleiderkreisel, Nachhaltigkeit und eine Tauschparty in München

12. Juli 2013 von in ,

Kleiderkreisel_Pressebild

Schon desöfteren haben wir hier auf dem Blog die Themen Nachhaltigkeit und bewusstes Shoppen angesprochen. Über die schnelle Vergänglichkeit von Klamotten habe ich mir beispielsweise Gedanken gemacht, Antonia über das bewusste Warten auf den Sale oder den Spaß an der Mode, der nicht unbedingt einen platzenden Kleiderschrank voraussetzt.

Mode macht Spaß, neue Outfits erzeugen neues Lebensgefühl und so ganz ohne Abwechslung im Kleiderschrank sind wir modeaffinen Menschen auf Dauer unglücklich. Doch heutzutage kann man kaum mehr mit gutem Gewissen einkaufen: Hat man mal etwas Geld übrig, kommt trotzdem immer der fade Beigeschmack der einstürzenden Großfabriken, in denen Männer und Frauen unter schlechten Bedingungen unsere Kleidung nähen und gleichzeitig extrem ausgebeutet werden. Und wie jeder weiß, sind nicht nur die großen und günstigen Ketten an diesem üblen Geschäft beteiligt, in Deutschland oder der EU wird nur noch ein kleiner Bruchteil unserer Kleidung produziert, egal ob teuer oder billig.

Wo soll man also einkaufen, ganz ohne die Ausbeutung zu unterstützen? Flohmärkte sind nett, aber geben zugegebenermaßen nicht immer das her, was man gerade sucht. Die stilsicherere Alternative sind Seiten wie Kleiderkreisel – eine Verkaufs- und Tauschbörse mit modeaffinen Usern, die tatsächlich ziemlich schöne Dinge verkaufen. Nicht nur kann man selbst sein aussortiertes, aber noch gutes Zeug dort loswerden, auf Kleiderkreisel findet man, wenn man ein bisschen sucht, wirklich immer tolle Teile, die auch noch viel günstiger als im Laden sind (Amelie ist Profi im tolle Teile finden).

Für alle, die mit Onlineshopping immernoch nichts anfangen können, gibt es morgen eine tatsächliche Real-Life-Tauschparty von Kleiderkreisel in München (hier gehts zum Facebook-Event). In der Glockenbachwerkstatt kann man je zehn gut erhaltene Teile von sich gegen Tauschpunkte einlösen und damit aussortierte Schätze von anderen ergattern. Das macht natürlich nur Sinn, wenn viele stilsichere Mädels (und Jungs) dort aufkreuzen – also liebe Münchner, nichts wie hin!

Aus diesem Anlass haben wir mit Kleiderkreisel-Gründerin Sophie ein bisschen über das Unternehmen, seine Ideale und das Thema Nachhaltigkeit gesprochen.

Sophie_Brille

Wie kam es zur Gründung von Kleiderkreisel, was für Ideale stecken dahinter und was bedeutet Nachhaltigkeit für das Unternehmen?

Die Geschichte von Kleiderkreisel beginnt mit dem Teilen, das sich wie ein roter Faden durch das Unternehmen zieht. 2008 bin ich als Studentin mit meiner Freundin Susanne Richter in den Semesterferien durch Osteuropa gereist – per Couchsurfing. Dabei sind wir auch auf der Couch von Justas Janauskas in Vilnius, Litauen gelandet, der uns von seiner gerade gegründeten Plattform www.manodrabuziai.lt, der litauischen Schwester von Kleiderkreisel, erzählte. Wir waren sofort von dem Konzept begeistert. Ungefähr ein halbes Jahr später klingelte unser Telefon in München, und Justas fragte uns, ob wir das Konzept in Deutschland umsetzen möchten.
Neben Studium und Nebenjob haben wir, zusammen mit unserem Mitstreiter Martin Huber, die Seite aufgebaut und uns Learning by Doing das wichtigste Know-How eines Unternehmers aneignen müssen – vom Marketing bis zur Buchhaltung. Denn wir drei kommen aus vollkommen fremden Fachrichtungen.
Der Grundgedanke und die Basis unserer Seite ist das Prinzip des Collaborative Consumptions. Collaborative Consumption gibt Hoffnung in Zeiten des Hyperkonsums und ruft auf zum Benutzen statt Besitzen. Es geht nicht darum, den Konsum zu stoppen, sondern umzudenken – nicht das Was, sondern das Wie ist entscheidend! Wir selbst leben diesen Gedanken in jeder unserer Entscheidungen. Unsere Seite wird mit nachhaltigem Strom betrieben, wir haben ein Tausch-Regal im Büro und fast alle meine Kleider stammen von Kleiderkreisel. Meine Apartment habe ich gegen eine WG getauscht und ich habe kein Auto, sondern benutzte mein Rad, öffentliche Verkehrsmittel oder Mitfahrgelegenheiten.

Man unterstützt mit so gut wie allen neu produzierten Klamotten Ausbeutung in Entwicklungsländern – sollte man nur noch Second-Hand kaufen?

Eine Studie aus England hat ergeben, dass dort Kleider im Wert von 30 Milliarden Pfund ungenutzt in den Schränken liegen. Wenn nur ähnliche Werte für Deutschland gelten, warum dann neue Ware produzieren, damit Mensch und Natur schaden und kostbare Ressourcen verschwenden? Wir möchten Second-Hand zur ersten Wahl machen. Erst wenn die großen Konzerne wirklich einen Druck da spüren, wo es richtig weh tut, nämlich an der Kasse, wird sich etwas ändern! Lieber Second-Hand nutzen und das gesparte Geld für fair produzierte Waren einsetzen, wo es sich nicht vermeiden lässt.

Wieviele Nutzer hat Kleiderkreisel inzwischen und wie ist die Altersspanne der Nutzer?

Aktuell haben wir über 920 000 Mitglieder. Die meisten unserer User sind weiblich, zwischen 16 und 24 Jahre alt.

Wie schätzt du das allgemeine Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei dieser Altersgruppe ein?

Ich glaube, dass die Generation Y sich mit dem Thema Nachhaltigkeit ganz anders auseinandersetzt, als noch die Generationen davor. Das Thema wird viel kreativer, unverbissener und persönlicher gelebt. Statt als gesellschaftlich zwar wichtiges, aber nervendes „Muss“ oder mit dem „Jute statt Plastik“-Protest-Gedanken der Alt-68er wird Nachhaltigkeit bei der Generation Y zur Kunst. Das Thema ist wichtig, der Spaß am bewussten Leben soll aber nicht zu kurz kommen. Ob mit individueller Vintage-Mode, DIY-Veredelungen, neuen Freundschaften von der Mitfahrgelegenheit, aufgepimpten Flohmarktmöbeln, Konsum-Gegenstände aus Müll und Kunst-Protest-Aktionen wie gerade zur Fashion-Week in Berlin – Nachhaltigkeit ist Teil eines unkonventionellen, aber deswegen nicht weniger hippen und bewussten Lebensstils.

Wie oft habt ihr bisher offline Veranstaltungen gemacht und wie waren die Erfahrungen damit?

Wir haben die feste Reihe „Kreisel im Viertel“, bei der wir die User unterstützen, eigene Tausch-Partys mit unserer Hilfe umzusetzen. Die Reihe läuft sehr erfolgreich und wir werden meist regelrecht gestürmt. In München ist es unsere dritte Veranstaltung.

Was war dein bestes Kleiderkreisel-Schnäppchen online oder auf einer Tauschparty?

Ich werde immer wieder auf meine coole Sonnenbrille angesprochen, die ich mal bei einer Tauschparty von Kleiderkreisel im Münchner Import Export ergattert habe. Die Brille hat mir damals so gut wegen der Farben gefallen, sie lässt sich einfach supergut kombinieren!

998822_10151721159533281_200147842_n

Die Tauschparty findet am morgigen Samstag, 13. Juli, von 11-16 Uhr in der Glockenbachwerkstatt statt!

Alle unsere Interviews auf einen Blick.

Facebook // Bloglovin // Instagram // Twitter

Sharing is caring

12 Antworten zu “Über Kleiderkreisel, Nachhaltigkeit und eine Tauschparty in München”

  1. Ich bin unglaublich genervt von Kleiderkreisel. Da verkauft man ein Oberteil für drei Euro und gibt an, nicht tauschen zu wollen, denn man will seinen Kleiderschrank ja schmälern und eben nicht weiter auffüllen und das einzige was im Posteingang landet sind Tauschanfragen und Anfragen nach weiteren Tragebildern. Bei einem Designerteil würde ich das ja noch verstehen aber für ein H&M Oberteil. Ach, Mädels, das nervt. Von daher finde ich die Idee der Tauschparty richtig toll! Schade, dass ich nicht in München wohne.

    LG

  2. richtig guter Beitrag! finds sehr interessant mal das „Gesicht von Kleiderkreisel“ zu sehen und über die Hintergründe zu erfahren. :)

  3. Um deine Frage zu beantworten, wo kann man einkaufen ohne Ausbeutung zu unterstützen: in Läden die eben nicht ausbeuterisch produzieren. gibts mehr als man denkt. ich hab dir unter deinen letzten Post zu dem Thema auch schonmal eine Liste mit Adressen gepostet. Vieles gibt es zum Beispiel hier http://www.futurefashionguide.com/ und hier http://www.modeaffaire.de/einkaufen/shops/ .

    Ich muss sagen so toll ich das an sich finde, das auf eurer Seite Nachhaltigkeit und soziale Standarts überhaupt thematisiert wird, versteh ich so langsam nicht mehr warum ihr das überhaupt macht. Da wird viel geschrieben darüber, man müsste weniger kaufen, mehr überlegen und was nicht noch und dann kommen doch nur die immer gleichen Artikel über das zente Paar Sandalen, die Sale-Schnäppchen und irgendwelche Sachen die man von Firmen geschenkt bekommen hat, die sicher nicht mit sozialen Standarts glänzen.

    Ich hab in dieser Modesache so langsam das Gefühl, das es anscheinend ausreicht zu sagen „Irgendwas läuft hier schief“ und sich dann im gleichen Moment wieder aus der Verantwortung zu ziehn weil man kann ja eh nix machen, dann wird sich gleich gegenseitig die Absolution erteilt, weil man hat ja keine Wahl, man will ja schick aussehen und alle anderen machens ja auch so.

    Wie gesagt es geht auch anders, klar braucht es dafür ein bisschen mehr Mühe und Zeit, mehr Beschäftigung mit de Thema, aber das müsste einem Modeblogger ja eh liegen?

    Und natürlich kann das jeder handhaben wie er will und keine muss irgendwas, aber so langsam nerven mich diese ganzen ach so kritischen Artikel auf diesem Blog die eine Konsumhaltung anpreisen, von der man auf dem Rest vom Blog ziemlich wenig merkt.

    • Liebe Lucia,
      erstmal danke für deine Vorschläge und auch für deinen kritischen Kommentar.
      Ich habe nicht das Ziel, ausschließlich fair oder second-hand zu kaufen, sondern kaufe selbst mal hier, mal da ein, hauptsache nicht zu viel – mir ist es wichtig, mir Gedanken zu machen und nicht blind zu shoppen, aber mir gefällt stilistisch viel zu viel, als dass ich ausschließlich auf faire Produkte umsteigen möchte/könnte (das gilt auch für die Marken, die uns Produkte schenken). Das ist meine persönliche Haltung und Entscheidung.
      Auf unserem Blog möchten wir verschiedene Möglichkeiten und auch Alternativen aufzeigen, das heißt aber nicht, dass wir uns dem ausschließlich nachhaltigen oder ökologischen Shoppen bzw. der Abkehr von Konsum verschrieben haben. Wir sind immernoch ein Modeblog, da geht es vorrangig um Konsum und auch wir konsumieren gerne. Wir möchten aber wie gesagt nicht nur stumpf unsere Einkäufe präsentieren, sondern verschiedene Möglichkeiten des Konsumierens aufzeigen.
      Alles Liebe!

    • Liebe Lucia,
      du hast absolut recht. Die Lösung ist im Grunde theoretisch ganz einfach, praktisch leider dann aber doch nicht.
      Wir lieben Mode, beschäftigen uns mit Mode, Nachhaltigkeit und vor allem (unnötigen) Konsum und recherchieren viel zum Thema. Gleichzeitig können wir uns auch nicht vor den Verführungen der Modewelt verwehren – und so konsumiere beispielsweise auch ich manchmal Dinge, die nicht zwingend notwendig sind. Denn sagen wir mal so: Brauchen tut niemand zwei Paar Sandalen, drei weiße Tshirts etc. Aber: Mein Kleiderschrank platzt nie aus allen Nähten. Denn ich miste auch viel aus, gebe Sachen an soziale Zwecke weiter, verkaufe meine Kleidung oder verschenke sie an Freunde. Nichts wandert in den Müll oder liegt monate-, jahrelang ungenutzt und ungetragen bei mir rum.
      Dass Zara & Co. genauso wie Prada nicht die besten Produktionsbedingungen haben, ist uns bewusst. Wir setzen uns damit auseinander, verfolgen Berichte und diskutieren das untereinander. High-Street-Ketten aber gänzlich zu meiden, ist für mich leider aber (noch) keine Lösung.
      Gleichzeitig versuche ich aber wie gesagt im Kleinen Dinge zu ändern, wie auf meinen Konsum zu achten, mir bewusst zu machen, was ich mache, mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Primark-Kaufräusche gibt es beispielsweise nicht. Da es mir aber in der Mode schwerer fällt, achte ich dann beim Lebensmittelkauf auf Region und Saison. Versuche, keine exotischen Früchte im Winter zu essen und den Händler nebenan zu unterstützen.
      Dass die Konsumhaltung verbesserungswürdig ist, ist mir als Modeblogger bewusst. Aber ich finde es schade, wenn man als Modeblogger sich keine Gedanken machen mehr darf zum Thema Nachhaltigkeit, weil man selbst nicht eine komplett weiße Weste hat. Der Gedanke und der Versuch, sich zu verbessern, Dinge zu ändern, sollte doch auch zählen. Veränderung fängt im Kleinen an. Und das heißt eben auch: Nicht nur stumpf zu konsumieren, sondern auch die Möglichkeiten des Konsumieren aufzuzeigen und zu reflektieren. Dann ist man meiner Meinung nach schon auf einem guten Weg.
      Liebe Grüße, Antonia

  4. Ist nicht wahr: ich sitze gerade eben an meiner Bachelorarbeit zu exakt diesem Thema. Gucke während des Schreibens oft zur Entspannung hier vorbei und da lacht mich meine Arbeit wieder an..

    Sehr interessantes Thema!

  5. Hallo,
    vielen Dank für den Blick hinter die Kulissen! Ich bin selber ein Fan von Kleiderkreisel, frage mich aber immer wieder, ob es so etwas auch für Technik gibt. Kennt jemand von euch eine Seite, auf der man alte Technik so verkaufen kann wie bei Kleiderkreisel?

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.