Ok Boomer: Ein Meme für die Geschichtsbücher

18. November 2019 von in

Vor beinahe 60 Jahren machte in der Bundesrepublik ein Spruch die Runde, der die älteren Generationen zum Kochen brachte: „Trau keinem über 30!“. Bis heute gilt er als einer der bekanntesten Slogans der 68er-Bewegung. Die damalige Jugend fühlte sich von ihrer Elterngeneration nicht ernst genommen, unterschätzt und übergangen, die kriegsgeplagte Republik hatte nach wie vor Politiker mit Nazivergangenheit in hohen Rängen. Junge Menschen wollten mitreden, erneuern und verändern. Was in den kommen Jahren folgte, gilt heute noch als der größte Generationenbruch, den die gesamte westliche Welt bis dato erlebt hatte.

Genau wie damals. Nur eben jetzt mit Internet.

Es ist vielleicht ein bisschen ambitioniert, einen Text über das „OK Boomer“-Meme mit dieser Anekdote einzuleiten. Aber ich bin überzeugt: Was wir gerade erleben, ist der damaligen Entwicklung nicht unähnlich. Nein, das hier wird kein Nazivergleich. Es wird ein Zeitgeistvergleich. Denn auch heute sind junge Menschen flächendeckend frustriert, weil ihnen nicht zugehört wird. Weil niemand sie ernst nimmt, wenn sie Lösungen für Probleme fordern, an denen sie nicht schuld sind. Genau wie damals. Nur eben jetzt mit Internet. Und mit dem Unterschied, dass die Generation, gegen die sich die Jugend heute richtet, nicht von Kriegstraumata und politischer Unsicherheit geprägt ist. Ganz im Gegenteil: Die Babyboomer, also grob die Geburtsjahrgänge zwischen Mitte der 40er- und Ende der 60er-Jahre, hatten unverschämt viel Glück. Sie sind die erste Generation seit Ewigkeiten, die keinen Krieg erlebt hat. Stattdessen wurden die Boomers in – aus heutiger Sicht – paradiesischen Verhältnissen groß. Jobs waren sicher, Gehälter waren stabil, Mieten und Eigenheime bezahlbar, die Ehe war noch nicht entzaubert, Kinder konnte man sich leisten, es gab zwei große bürgerliche Parteien, deren Wahlsieg so sicher war die das Amen in der Kirche. Nichts von alldem, inklusive dem Amen, kann uns heute noch garantiert werden.

Konfrontiert man Boomers mit diesen Fakten, reagieren sie meist erbost: Ich hab hart dafür gearbeitet! Bei uns gab es auch schlechte Zeiten! Und es stimmt: Es gab den Kalten Krieg, die deutsche Teilung und die Wirtschaftskrise 2008, es gab auch Armut und soziale Probleme – es gab sehr viel mehr Sexismus, Homophobie und Co. Aber nichtsdestotrotz hat die Stabilität, in der Boomer groß geworden sind, nur noch wenig mit unserer Realität zu tun. Und daran sind Boomers – wenn auch nicht mit Absicht – mit schuld. In ihrer Lebenszeit ist der Kapitalismus zu diesem unkontrollierbaren Monster geworden, das nicht nur in allen erdenklichen Formen unsere Lebensqualität verschlingt und arme Menschen ärmer macht, sondern auch das Überleben unserer gesamten Spezies bedroht.

„Ihr jungen Leute vertragt keine Kritik!“ – „Ok Boomer“

All das wäre sehr viel weniger erschöpfend, wenn mehr Menschen aus dieser Kohorte die Fakten anerkennen könnten: Ja, wir haben ein Problem. Ja, wir haben dazu beigetragen. Ja, wir hinterlassen euch ein absolutes Chaos. Aber der Durchschnitts-Boomer hat es nicht so mit Kritikfähigkeit – das merkt man allein schon daran, welchen Ruf die Jugend, die bis vor Kurzem noch überall als „unpolitisch“ verunglimpft worden ist, bei vielen von ihnen genießt (#notallboomers, natürlich). Junge Menschen sind faul, halten sich alle für etwas ganz Besonderes, sind viel zu sensibel, haben es verlernt, treu zu sein, haben keinen Humor und halten keine Kritik aus. Das sind nur ein paar der vielen Anschuldigungen, die Boomers jeden Tag in Kommentarspalten und auf Familienfeiern auf junge Menschen niederprasseln lassen. Der Vorwurf, sie könnten keine Kritik vertragen und seien humorlos, ist besonders ironisch, wenn man sich jetzt die Reaktionen der angeblich so kritikresistenten Boomers auf das Meme der Stunde ansieht. Nichts könnte die Doppelmoral besser illustrieren. Danke, Boomers!

Bild via Lola88
Die Folge all dessen ist, dass eine bestimmte Emotion den Umgang der Generationen untereinander beherrscht: Erschöpfung. Absolute, kollektive Erschöpfung. Das dachte sich vermutlich auch der Mensch, der zum ersten Mal „Ok Boomer“ schrieb, statt zu versuchen, einem Boomer zu kontern. „Ok Boomer“ ist ein Platzhalter für „Ich könnte jetzt versuchen, dir die Problematik zu erklären, aber da du dich sowieso nicht von mir überzeugen lässt, erspar ich mir das und tu einfach so, als würde ich dir zustimmen.“ Stattdessen: Zwei Worte – und die Sache ist erledigt. Herrlich. Wo genau das Meme seinen Ursprung nahm, ist wie so oft in diesem Internet nicht ganz klar. Es gibt einen Tweet aus dem Jahr 2018, in dem sich ein Boomer über angeblichen Rassismus gegen Weiße (uff) beschwert. Darunter: Der Kommentar „yea ok boomer“.

 

What a time to be alive

Wie eigentlich immer liegt der Ursprung dieses Memes wahrscheinlich irgendwo bei 4chan oder reddit vergraben, aber viel wichtiger ist: „Ok Boomer“ hat eine beispiellose Karriere hingelegt und es in kürzester Zeit von Twitter und TikTok bis zur Tagesschau und ins neuseeländische Parlament geschafft. Dort reagierte die 25-jährige Abgeordnete Chlöe Swarbrick Anfang des Monats bei einer Rede über den Klimawandel auf einen Zwischenruf mit einem knappen „Ok Boomer“ – und trug das Meme somit eigenhändig über die Schwelle vom Internet in die politische Realität. Memes im Parlament, Leute! What a time to be alive.

Das Meme ist auch deswegen so erfolgreich, weil es genau das tut, was ein Meme tun soll: Auf möglichst simple Art einer komplexen kollektiven Realität Ausdruck verleihen. Und das hat etwas Therapeutisches: Denn sein Erfolg zeigt, dass die Erfahrung der generationsbezogenen Erschöpfung und Entfremdung eine kollektive ist. Das Meme illustriert den Fakt, dass zwei komplette Generationen – die Millenials und die Zoomers – diese Emotionen empfinden und dass man nicht alleine ist mit dem Gefühl des Übergangenwerdens. „Ok Boomer“ ist gleichzeitig viel mehr als ein Meme – und hier wird’s wieder ambitioniert –, denn es markiert einen neuen Generationenbruch in der gesamten westlichen Welt. „Trau keinem über 30“ hieß es 1968. Heute heißt es „Ok Boomer“.

 

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